Gute Frage

Liebe Anja, das frage ich dich auch. Hier unser Mailverkehr von damals:

+++ +++ +++

Von: Sebastian Heiser
Datum: 21. Juni 2009 um 15:08
Betreff: Themenidee: Schleichwerbung in Zeitungen
An: Anja Reschke

Hallo Anja,

es hat mich gefreut, Dich auf dem Quellenseminar des Netzwerk Recherche auf Schloss Sörgenloch kennengelernt zu haben – ich weiß nicht, ob Du Dich erinnerst. Heute wende ich mich mit einer Themenidee an Dich, die vielleicht etwas für Panorama ist. Nach dem Abschluss meiner Ausbildung an der Kölner Journalistenschule im Herbst 2006 begann ich im Januar 2007 meinen ersten Job in der Beilagenredaktion der Süddeutschen Zeitung in München. Dort war ich für alle Finanzbeilagen zuständig, also für Themen wie Altersvorsorge, Leasing, Derivate & Zertifikate, Investmentfonds oder Mittelstandsfinanzierung. Ich habe dort die inhaltliche Konzeption der einzelnen Beilagen gemacht, die Artikel bei Freien Autoren bestellt, die Texte redigiert und auf die Seiten gebaut.

Die Beilagenredaktion macht im Schnitt 2,7 Seiten pro Erscheinungstag. Die Seiten werden vor dem Druck von der Anzeigenabteilung gegengelesen und auf deren Wunsch hin müssen Passagen, die kritisch gegenüber Anzeigenkunden sind, entschärft werden. Neben den regelmäßigen Seiten (etwa der monatlichen „Wein aus Österreich“-Seite im Feuilleton oder der „Altersvorsorge“-Seite im Wirtschaftsteil) gibt es zahllose weitere Themen. Im Blatt werden die Beilagen als „Sonderseite“ oder „Beilage“ gekennzeichnet. Den Titel „Beilagen“ tragen jedoch auch Themenschwerpunkte, die nicht von der Beilagenredaktion stammen (etwa die Berlinale-Beilage). Dadurch ist für den Leser nicht klar erkennbar, über welche Themen die SZ berichtet, weil die Redaktion die Themen für relevant hält, und über welche Themen sie berichtet, weil der Verlag Geld dafür erhält (~20.000 Euro pro Seite).

Mir war damals schnell klar, dass ich persönlich Bauschmerzen mit diesem Geschäftsmodell habe. Den Ausschlag dafür, dass ich schon nach zehn Wochen wieder kündigte, gab jedoch die Beilage „Geldanlage im Ausland“. Die Idee dazu hatte die Anzeigenabteilung, die Banken im Ausland als Kunden gewinnen wollte und sich nun überlegte, welche Inhalte eine Beilage haben müsste, damit die Banken dafür bezahlen. Auf so einer Seite, meinten die Leute aus der Anzeigenabteilung, müsse man etwa über Gesetzgebungen in Österreich, der Schweiz und Liechtenstein informieren: Wie sieht es da aus mit der Quellensteuer? Wie funktioniert das mit dem Nummernkonto eigentlich? Welche Informationen erhält das deutsche Finanzamt automatisch per Kontrollmitteilung? Solche Informationen hätte zwar jemand, der mit vielen schwarzen Millionen im Ausland sei, aber der Bauunternehmer von nebenan wisse dies vielleicht noch nicht. Dabei müsse man aber aufpassen, dass man die Finanzplätze dabei nicht als Eldorado für Verbrecher und Steuerhinterzieher darstelle, da die Banken öffentlich nicht in einem solchen Licht dargestellt werden wollten. Zwei Jahre zuvor sei in einer Beilage ein Bericht über Liechtenstein erschienen, in dem man recht deutlich habe lesen können, dass dies ein guter Platz für Schwarzgeld sei. Auf der gleichen Seite sei auch die Anzeige der fürstlich-liechtensteinischen LGT-Bank erschienen, und die hätten das überhaupt nicht gut gefunden und für anderthalb Jahre keine Anzeigen mehr geschaltet. Deshalb müsse man da bei künftigen Beilagen vorsichtiger sein und die Texte zwar so schreiben, dass jeder versteht, wie er durch Geldanlage im Ausland Steuern hinterziehen kann, dass man aber gleichzeitig den Finanzplatz nicht in ein schlechtes Bild rückt.

Die Beilage (intern sprachen wir von der „Schwarzgeld-Beilage“) erschien am 30. Mai 2007. Ich war zu diesem Zeitpunkt bereits schon von München nach Berlin gezogen. Dort machte ich zuerst ein Praktikum bei der TV-Produktionsgesellschaft Autorenwerk, wo ich als Co-Autor an Beiträgen für die ZDF-Sendung Wiso mitarbeitete. Später schrieb ich als freier Autor für verschiedene, auch überregionale Zeitungen und jetzt bin ich in der Berlin-Redaktion der taz angestellt.

Beilagenredaktionen der Print-Titel sind oft der erste Einsatzort für Jungjournalisten – andere Absolventen meiner Journalistenschule arbeiten bei oder für die Beilagen von anderen Blättern und berichten von dort ähnlich Erschreckendes. Notwendig wäre aus meiner Sicht eine breitere Recherche über die Käuflichkeit der einzelnen Medien. Und dabei geht es nicht nur um Service-Themen wie Reise, Auto und Versicherungen, auf denen die Unternehmen die Themen vorgeben und den Umfang der Berichterstattung bestimmen. Es gibt auch Image-Beilagen, in denen es darum geht, das Ansehen einer ganzen Branche zu verbessern. Für die Leser sind all diese Beilagen und serviceorientierten Seiten völlig unzureichend oder überhaupt nicht gekennzeichnet, der Einfluss der Unternehmen auf die Inhalte ist dadurch nicht erkennbar. Meine Idee ist, eine Recherche vergleichbar der von Volker Lilienthal zum Fernsehen jetzt auch zu Zeitungen zu machen.

Lilienthal hatte sich ja gegenüber der Marienhof-Produktionsfirma als Mitarbeiter einer Werbeagentur ausgegeben, um Schleichwerbung für bestimmte Sportschuhe in der Serie unterzubringen. Bei dieser Recherche würde es sich anbieten, sich als Werbeagentur auszugeben, die sich auf die Schaffung „geeigneter redaktioneller Umfelder“ spezialisiert hat. Im Gespräch mit den Verlagen könnte man sich dann berichten lassen, was dort üblich ist, und auch selbst noch ein paar unmoralische Angebote machen. Dabei könnte es sowohl um Produkt-Placement als auch um Themen-Placement gehen.

Interesse?

Beste Grüße
Sebastian Heiser

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Von: Anja Reschke
Datum: 30. Juni 2009 um 14:28
Betreff: Antwort: Themenidee: Schleichwerbung in Zeitungen
An: Sebastian Heiser

Hallo Sebastian,

vielen Dank für Deine Mail.

Ja, das Thema PR und Journalismus ist ein Dauerbrenner. Für Panorama sehe ich das nicht, eher für Zapp.

Allerdings hat die Zapp-Redaktion schon wirklich viele Beiträge dazu gemacht. Ich habe aber Deine Mail trotzdem mal an ein paar Kollegen aus der Zapp Redaktion weitergeleitet, die sich damit schon beschäfigt hatten. Wundere Dich also nicht, wenn sich jemand von denen bei Dir meldet.

Ich habe es zum Beispiel auch an […] gemailt, die war auch auf dem Quellenseminar.

Viele Grüße und vielen Dank für den Themenvorschlag

Anja Reschke
NDR
Redaktion Panorama

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Von: Sebastian Heiser
Datum: 30. Juni 2009 um 16:55
Betreff: Re: Themenidee: Schleichwerbung in Zeitungen
An: Anja Reschke

Hallo Anja,

> Ja, das Thema PR und Journalismus ist
> ein Dauerbrenner. Für Panorama sehe
> ich das nicht, eher für Zapp.

schade, denn Zapp hatte ich das bereits angeboten und die haben sich dagegen entschieden…

Beste Grüße
Sebastian Heiser

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17 Kommentare zu “Gute Frage

  1. Unglaublich dreist die Frau Reschke.
    Scheinbar war Sie selber dafür verantwortlich,
    dass die Leaks nicht die Öffentlichkeit erreicht haben.

  2. Es ist wirklich traurig, wie Anja Reschke hier reagiert hat, Wasser auf die Mühlen der „Lügenpresse“-Rufer. Sie ignoriert den Boten erst, aktuell schlägt sie ihn, anstatt einfach die Botschaft zur Kenntnis zu nehmen. Die Dame ist ein Aushängeschild deutschen Investigativjournalismus‘: einfach beschämend, wer soll nun noch mit guten Gewissen Panorama gucken. Es bleibt zu hoffen, dass die Geschichte „SZLeaks“ weiter richtig Ärger machen wird. Super, Sebastian Heiser. Beschämend zudem, wie bislang Protagonisten der SZ reagiert haben: durch Schweigen oder wie Anja Reschke (Ramelsberger, Plöchinger). Eine widerliche, sich elitär abschottende Doppelmoral wird hier deutlich. Die Süddeutsche ist eine kluge Zeitung, aber leider ohne jegliches Rückgrat. Hoffentlich gibt es Leser, die ihr diese Nichthaltung vergelten werden.

  3. Moment einmal, Frau Reschkes Frage richtet sich doch an den Autor. Warum sie / der NDR das Thema in 2009 nicht aufgegriffen hat, erklärt sie. Zugegeben nicht mit tollen Argumenten, aber das ist letzten Endes ihre Entscheidung (bzw. die der Sendeanstalt). Fertig, aus – als ob es eine Pflicht gäbe, Themen aufzugreifen.

    Herr Heiser hätte doch in 2009 alles auch ohne die Medienpower des NDR veröffentlichen können, auch damals gab es schon Blogs. Wäre wohl kein Scoop geworden (schließlich gab es seinerzeit die momentan in aller Munde befindliche „Enthüllungs-Kooperation“ noch nicht, die der eigentlich unspektakulären Story aktuell die vermeintlich verruchte Würze gibt) aber eben der Öffentlichkeit zugänglich. Insofern erachte ich persönlich ihre Replik, Herr Heiser, als absolut unzureichend. Beantworten Sie doch bitte – unabhängig aller Polemik – die Frage.
    Wenn ich hier Dummfugkommentare á la „Lügenpresse“ oder „Verantwortung bei Frau Reschke“ lese, frage ich mich schon, inwieweit die Autoren überhaupt eine nüchtern-objektive Haltung zum medialen Disput einnehmen wollen (wohlgemerkt nicht zur Thematik, sondern zum Disput).

    • Dem jungen Heiser hätten nicht viele zugehört, zumal „Blogs“ damals ein anderes Standing hatten.

      Ohne feste berufliche Verankerung hätte zudem seine Karriere vollends auf dem Spiel gestanden.

    • Wenn ich etwas schreibe und veröffentliche, das anderen schadet, denke ich zweimal darüber nach. Das kann ein paar Jahre dauern. Das finde ich auch richtig. Die Frage „warum erst jetzt?“ kommt dann immer, fast wie ein Reflex. Aber diese Frage kommt auch, wenn man nur 1 Jahr wartet. Herr Heiser ist nicht verpflichtet, seine Erfahrungen zu veröffentlichen. Wenn er Skrupel hat, seinen ehemaligen Arbeitgeber in schlechtem Licht erscheinen zu lassen und deshalb zögert, erscheint mir das als fairer Zug.

      „Warum erst jetzt?“ ist für mich das klassische Gegenfeuer. Als unbeteiligter Dritter ist für mich diese Frage ziemlich uninteressant (außer bei irrelevanten Vorwürfen, z.B. Politiker war vor 10 Jahren bei Prostituierten, veröffentlicht wird das 5 Tage vor der Wahl); interessanter ist, was denn dran ist an den Vorwürfen. Die Erwiderungen aus dem Hause SZ waren zumindest bis jetzt ziemlich mager.

      Sie schreiben: „Moment einmal, Frau Reschkes Frage richtet sich doch an den Autor. Warum sie / der NDR das Thema in 2009 nicht aufgegriffen hat, erklärt sie. Zugegeben nicht mit tollen Argumenten, aber das ist letzten Endes ihre Entscheidung (bzw. die der Sendeanstalt).“

      Frau Reschke fragt via Twitter vorgestern, warum Herr Heiser das erst jetzt veröffentlicht. Herr Heiser antwortet mit einem Briefwechsel, der zeigt, dass er sie vor 5 Jahren gebeten hat, es zu veröffentlichen. Vor diesem Hintergrund kann der Tweet von Frau Reschke nur als infam gelten.

  4. Pingback: ARD-kwalitätsjornalistin des tages | Schwerdtfegr (beta)

  5. Pingback: Umleitung: Geschichte, Wirtschaft, Terrorismus und mehr … | zoom

  6. Respekt Herr Heiser!
    Die etwas umformulierte Unterstellung Herr Krachs, wonach Sie halt noch jung und naiv gewesen wären, haben Sie sehr gut dadurch entkräftet, indem Sie Belege gesammelt haben und somit nun vorlegen können, sich also gut auf da Kommende vorbereitet haben.

    Und auch eine Frau Reschke kriegt nur noch einen einfachen Beissreflex raus, indem Sie einen weiteren Tweet hinterherschickt, der mal sowas von deutlich klar macht, was für ein unmoralischer Saftsack Sie doch sind, weil Sie Kollegengespräche aufgezeichnet haben.
    Macht das die Presse nicht ständig, wenn auch nicht unbedingt mit Kollegen? Ist das jetzt nun ein Vorwurf der Art Nestbeschmutzer oder will sie uns ernsthaft erklären, dass Presse das nicht darf?
    War da nicht irgendwas mit Öffentlichem Interesse und Persönlichkeitsrechten? Klar, kann das bei einer Klage für Sie auch nach hinten losgehen, aber angesichts der inhaltlichen Reichweite der Aussagen von Herrn Krach, wonach das Thema nicht nur die SZ betrifft, sondern in der gesamten Printpresse üblich sei, sehe ich hier ganz klar ein deutliches Interesse die Öffentlichkeit an Aufklärung gegeben. Also so oder so: Ein riesen Danke von meiner Seite, auch wenn mich die Tatsache an sich kein bisschen überrascht!

  7. Jeder muß selber wissen, wann er etwas veröffentlicht, und solange der Zeitpunkt nicht opportunistisch gewählt ist (etwa weil ich von den kritisierten Praktiken jahrelang bis vor Kurzem profitiert habe und dann von meiner Einnahmequelle abgeschnitten wurde), ist er völlig unerheblich – zumal in offen diktatorischen oder gut durchorganisiert kapitalistischen Verhältnissen dem Einzelnen nicht ohne weiteres Publikationswege offenstehen. Das hätte selbst einer Reschke in dem konkreten Fall durch die Mail von 2009 einleuchten müssen. Man muß dankbar sein, daß sie trotzdem Heiser zu verhöhnen sich gemüßigt sah, hat sie doch nur sublim vorgeführt, wie verrottet der Journalismus in den großen Medien ist (dafür ist Reschke nur ein besonders einfach gestricktes Beispiel).

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