Alle Zeitungen handeln so, meint mein Chef

Bei meinem Abschiedsgespräch mit meinem Chef begründe ich die Kündigung damit,

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Ich: dass ich merkte, dass ich mit einigen Sachen, einer Reihe von Sachen, die ich hier gemacht habe, Bauchschmerzen hatte, ich das falsch fand, ich deswegen das nicht länger machen wollte und…

Chef: Entschuldigung, welche Sachen zum Beispiel? Nur zur Information! Man kann ja mit Bauchschmerzen nicht leben.

Ich: Ja.

Sie haben immer noch noch versucht „naja, wird schon. Vielleicht füge ich mich doch noch ein. Vielleicht ändert es sich doch noch.“ Haben Sie mit den Bauchschmerzen dann sich so weitergehangelt? Diese Erfahrung haben Sie ja wahrscheinlich sehr schnell machen müssen, dann, oder? Seien Sie doch ehrlich, es ging doch nicht nur um das „schwammig“, letztlich.

Ich: Nein, das „schwammig“ war ein auslösender Fall.

Chef: Wobei, da haben Sie glaub ich ein bisschen überreagiert. Ich sag es noch einmal: Der Kern der Kritik ist ja überhaupt nicht herausgenommen worden.

Ich: Ja, aber abgeschwächt. Das Ding war, da habe ich gemerkt, dass es da eine Anzeigendenke ist, zu sagen: Die Kritik ist hier zu hart, die sollte besser abgeschwächt werden. Und das ist eine Denke, die ich mir nicht …

Chef: das muss ich auch eingestehen, das habe ich Ihnen von Anfang an gesagt, als wir das allererste Mal zusammensaßen. Wir müssen auch so handeln und nicht nur wir, sondern alle Zeitungen handeln so inzwischen, weil die Zeiten, wo wir Anzeigen ablehnen konnten, die sind vorbei. Also, wir tun das ohnehin oftmals, ich hab gerade dem […] wieder einen Brief geschrieben: Wenn ihr uns das anbietet oder das, dann sollten wir es ganz lassen, dann machen wir es gar nicht. Sie haben natürlich nur das mitbekommen, was jetzt direkt Ihre Arbeit so betraf, und den Spagat, den wir immer wieder machen müssen… Aber ich verstehe Ihre Position, Sie sind ein junger Mensch, Sie sind unverdorben noch, Sie stehen da wie eine Wand, wie ein Fels in der Brandung und sagen: Ne, da will ich zumindest jetzt am Anfang meiner Karriere will ich ein sauberer Journalist sein, der kritisch ist. Die kritische Denke, die haben Sie natürlich aufgesogen, mitgebracht ganz frisch noch vom Studium, von der Schule, aber es wird sich ein bisschen abschleifen im Lauf der Zeit ohnehin. — Ja, ich bedauere es, schade, schade.

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