Habe ich „über angebliche Verstöße nicht informiert“?

Als Reaktion auf meine Veröffentlichung behauptet der stellvertretende Chefredakteur der Süddeutschen Zeitung, Wolfgang Krach, in einer Stellungnahme gegenüber meedia.de und newsroom.de:

„Über angebliche Verstöße gegen journalistische Grundsätze hat er weder während seiner Tätigkeit für die SZ noch vor der Veröffentlichung seiner Vorwürfe die damalige Ressortleitung oder die Chefredaktion informiert.“

Am 2. April hatte ich folgendes Gespräch mit meinem Ressortleiter. Hier hier relevanten Stellen habe ich unterstrichen:

(Download als MP3)

Ich: Guten Morgen

Ressortleiter: Hallo, Herr Heiser, schönen guten Morgen!

Ich: Ich grüße Sie.

Ressortleiter: Hatten Sie ein gutes Wochenende?

Ich: Na, es ging. Ich bin gekommen, um mich mit Ihnen zu unterhalten.

Ressortleiter: Ja, nämlich?

Ich: Ja, ich bin unglücklich, mit, äh

Ressortleiter: worüber?

Ich: Mit dem Job hier. Einerseits hat mir das ziemlich auf die Nieren geschlagen, die Sache mit der Investmentfonds-Beilage, die wir noch verändert haben, auf Wunsch der Anzeigenabteilung.

Ressortleiter: Also, da müssen wir in Ruhe drüber reden. Jetzt nicht so zwischen Tür und Angel.

Ich: Dann tun wir das.

Ressortleiter: Ich melde mich nachher? Gell? Ja?

Ich: Wie Sie möchten.

Ressortleiter: Ja?

Ich: Ja.

20 Minuten später setzen wir das Gespräch fort:

(Download als MP3)

Ich: Guten Morgen!

Ressortleiter: Guten Morgen. So, ja. Sie sind unglücklich?

Ich: Genau. Die Geschichte war mir auf die Nieren geschlagen.

Ressortleiter: Welche denn?

Ich: Ah, bei der „Investmentfonds“-Kiste, hat ja die Anzeigenabteilung sich gewünscht, ob wir nicht das Wort „schwammig“ rausnehmen können, bei dem einen Anbieter. Ich fand das falsch.

Ressortleiter: Ja.

Ich: Und die Anzeigenabteilung hat gesagt, man sollte das trotzdem machen und wir haben es am Ende so gemacht und – ja – habe ich schlecht geschlafen hinterher.

Ressortleiter: Naja, aber wenn das schon ein Anlass ist, schlecht zu schlafen, dann reagieren Sie vielleicht ein bisschen sehr, äh, sehr empfindlich, Herr Heiser.

Ich: Vielleicht.

Ressortleiter: Ja vielleicht. Weil ich hab Ihnen ja gesagt, dass wir hier uns manchmal im Grenzbereich bewegen. Wobei die Kritik, die sanfte Kritik an diesem Unternehmen ja immer noch klar wurde. Da haben Sie vielleicht jetzt doch ein bisschen, bisschen überreagiert. Dass Sie gleich unglücklich sind, betrifft mich sehr, weil ich hatte so den Eindruck, es macht Ihnen schon Spaß und Sie haben ja so Ihr eigenes Feld hier. Ja, was heißt das für Sie?

Ich: Der andere Punkt ist, dass ich auch den Eindruck habe, dass ich zunehmend daran zweifele, ob das ein guter Einstieg ist, um in ein paar Jahren irgendwo etwas anderes zu machen. Weil ich mitbekomme, dass es in den anderen Teilen der Zeitung eine Ablehnung, zumindest im Wirtschaftsteil der Zeitung, gegenüber meinen Wirtschaftsbeilagen gibt. Wie das in den anderen Beilagen ist, weiß ich nicht. Aber, wenn …

Ressortleiter: Also, es gibt nun keine Ablehnung im Hause gegen die Beilagenredaktion. Ganz im Gegenteil. Sie hat ein ganz anderes Standing und ein gutes Standing wieder, seit wir hier das machen. Und die Wirtschaft(sredaktion), ich habe auch mit […] gesprochen, die Wirtschaf(sredaktion) hat mitnichten irgendetwas etwas gegen uns, ganz im Gegenteil. Die fühlen sich nur häufig eben in einer Konkurrenzsituation, so war es zum Beispiel jetzt wieder mit der Cebit(-Beilage). Das ist ein ganz klassisches Beispiel dafür gewesen, dass der […] sich erregt hat, dass wir eine so tolle, eine Cebit-Beilage haben. (Da habe ich gesagt:) Sehen Sie, Herr […], die gibt es seit 20 Jahren, die Cebit-Beilage, unabhängig davon, was die Wirtschaft(sredaktion) macht. Ja, sagt er, da hätte man doch aber auch die Ressourcen bündeln können. Sag ich: Selbstversändlich, die Wirtschaft(sredaktion) braucht nur auf uns zuzugehen, wie wir das auch tun. Aber das ist zum Beispiel ein Bereich gewesen, dass die Wirtschaft(sredaktion) jetzt unter deren neuen Ressortleitung das überhaupt wahrnimmt, was hier gemacht wird. Früher hat das überhaupt niemanden interessiert. Und Sie haben das vielleicht auch ein bisschen in den falschen Hals bekommen, dass ganz am Anfang Ihnen die (…) gesagt hat: Jetzt kommt derjenige, der uns die Seiten wegnimmt. Äh, nicht?

Ich: Ja,

Ressortleiter: So haben Sie es mir mal erzählt am Anfang.

Ich: Das ist richtig.

Ressortleiter: Auch das ist nicht richtig. Das war auch nie inhaltlich gemeint, auch darüber habe ich mit (…) gesprochen, nicht, dass ich gesagt hab: Also Herr Heiser ist ja nicht sehr freundlich hier empfangen worden hier ganz generell so mit der Bemerkung, man nehmen ihnen die Seiten weg. Sagt er: Das ist doch nicht persönlich oder schon garnicht gegen das Ressort gemeint. Es ist einfach generell so, dass die Wirtschaft(sredaktion) generell immer klagt, sie habe zu wenig Platz und dann kommen auch noch Beilagen-Seiten, die ins Blatt müssen, und dann dann heißt das: Wir können aus unserem vorgesehenen Seiten von 48 Seiten nicht raus, also müssen wir [vernuschelt]. Ja, mit der „Finanzplatz-Bayern“-Seite ist so ein ähnlicher Fall.

Ich: Hm.

Ressortleiter: Ja, also mit dem „schwammig“, Herr Heiser, das ist nun. Erstmal hätte ich das vielleicht auch gerafft (im Sinne von gekürzt), auch wenn Sie mich nicht genannt hätten, herausgestrichen, ich redigier‘ die Dinge und schau die Dinge nach, und damit muss man leben, dass manche Dinge anders von einem Vorgesetzten anders gesehen werden

Ich: Das ist richtig.

Ressortleiter: Aber Sie machen mir den Vorwurf ja nicht, sondern Sie haben das nicht verkraftet, weil das der Wunsch aus der Anzeigenabteilung war.

Ich: Hmm

Ressortleiter: Aber ich liege nun täglich mit der Anzeigenabteilung im Clinch in irgendeiner Weise. Und manchmal arrangieren wir uns, manchmal kommen wir nicht zurande. Und wenn wir natürlich nicht machen, was die sich vorstellen, die haben ganz andere Vorstellungen, als wir sie haben, das ist auch richtig… Wir kommen halt manchmal nicht zusammen, und manchmal kommen wir zusammen, wenn wir meinen: Naja gut, es dient der Sache. Und in diesem Fall war es nun wirklich kein Problem, aus einem Wort, das dem Inhalt überhaupt nichts nahm, weil diese Feststellung, dass man dieses Unternehmen etwas, na, skeptisch betrachten sollte, durchaus noch aus dieser Passage, eindeutig hervorging.

Ich: Also, wenn mir das schon Bauchschmerzen macht, wenn Sie sagen, dass mir „das schon“ Bauchschmerzen macht, daraus schließe ich, dass ähnliche Sachen noch weiterhin passieren können.

Ressortleiter: Ja, immer wieder kommt natürlich sowas in ähnlicher Form. Ich habe Ihnen ganz am Anfang gesagt: Wir sind nicht hier die Abteilung für das In-Die-Pfanne-Hauen. Das ist klar! Wir sind – das habe ich Ihnen von Anfang an gesagt: Wir sind hier nicht die Abteilung „Investigativer Journalismus“. Das muss man wissen. Bei allen Verrenkungen, die wir machen müssen. Solche Geschichten, wie wir sie am Samstag gemacht haben mit „Beruf und Karriere“, wenn Sie die gelesen haben. Da gilt es – auch da gilt, dass es sauber recherch… Haben Sie die gelesen? Diese Butterfahrten-Geschichte. Das geht zum Beispiel gegen einen Unternehmer, der so Sprachreisen, Einladungen macht für Übersetzter und die offensichtlich abzockt. Das sind Dinge, die wir auch machen, aber das ist in unserem Metier alleine. Wir sind natürlich vom Anzeigenaufkommen abhängig, in einer gewissen Weise, was nicht heißt, dass wir nun nach deren Pfeife tanzen. Aber natürlich müssen wir uns immer arrangieren.

Am 17. März 2007 erscheint im Wirtschaftsteil der SZ die Warnung: "Finger weg von Zertifikaten!"

Am 17. März 2007 erscheint im Wirtschaftsteil der SZ die Warnung: „Finger weg von Zertifikaten!“

Ich: Das ist richtig, dass Sie das gesagt haben. Ich habe es unterschützt, wie stark mir das zu schaffen macht. Zum Beispiel ich sprach mit (…), ganz nur am Rande, nur kurz sprach ich über meine Arbeit, und wir kamen auf die „Derivate & Zertifikate“-Beilage zu sprechen. Und sie sagte, dass sie in der Wirtschaft generell nicht über das Thema berichten, aus dem Grund, dass sie die Leute da nicht reintreiben wollen. Dass sie sagen: Derivate und Zertifikate sind so kompliziert aufgebaut, dass es für die allermeisten unserer Leser ratsam ist, einfach die Hände wegzulassen.

Ressortleiter: Ganz generell.

Ich: Ganz generell. Deswegen berichten sie darüber gar nicht. Und wenn wir natürlich …

Auf meinen acht "Derivate & Zertifikate"-Seiten kann ich nicht schreiben: Finger weg!

Auf meinen acht „Derivate & Zertifikate“-Seiten kann ich nicht schreiben: Finger weg!

Ressortleiter: Wir machen acht Seiten

Ich: … acht Seiten dazu, und auf acht Seiten kann man ja nicht sagen: Lass die Finger davon.

Ressortleiter: Nein nein.

Ich: man muss dann schon beschreiben …

Ressortleiter: So ist es.

Ich: … und es stand in jedem Artikel auch drin, was die Risiken sind und dass man das nicht leichtfertig machen sollte. Aber diese Haltung, die in der Wirtschaftsredaktion ist…

Ressortleiter: Eben! Das stand doch bei den „Derivaten & Zertifikaten“ stand in der Tat sehr sauber immer wieder: Also, aufpassen, da kam dann…

Ich: Ja ja, stand in jedem Artikel – ja ja.

Ressortleiter: … da stand das sehr eindeutig drin!

derizert2Ich: Ja genau, aber diese grundsätzliche Haltung, die ich auch, die man auch vertreten kann, der Wirtschaftsredaktion, zu sagen: Wir berichten darüber nicht, weil wir die Leute da reintreiben – wird natürlich konterkarriert, wenn wir dann acht Seiten dazu machen. Die Leute sehen das und sehen dann, da ist irgendwas und nehmen das wahr zumindest, dass wir acht Seiten darüber machen. Und wenn sie dann beim nächsten Mal bei ihrer Bank sind und die sagt: Wollen Sie nicht ein Derivat kaufen oder ein Zertifikat? Dann sagen sie: Ja, da habe ich da was kürzlich in der Süddeutschen drüber gelesen, ich hab sie zwar nicht ganz gelesen, diese acht Seiten, aber ich hab gesehen, dass sie da was großes draus gemacht haben.

Ressortleiter: Ja, nagut. Das ist noch überhaupt nicht an mich herangetragen worden, solche Dinge.

+++ Einschub: Die Zertifikate und die Weltwirtschaftskrise +++

Ein paar Monate später platzt die Blase: Ab Sommer 2007 beginnt eine Immobilien-, Finanz- und schließlich eine Weltwirtschaftskrise. Wer als Anleger sein Geld in Zertifikate oder Derivate von Lehman Brothers gesteckt hat, erleidet einen Totalverlust. Sogar viele staatliche Landesbanken haben nicht verstanden, in was für Produkte sie investieren. Der Steuerzahler muss mit Milliarden einspringen, um die Institute zu retten. Einige Staaten übernehmen sich so stark, dass ihnen niemand mehr Geld leihen will: Es beginnt die Eurokrise.

derizert32007 schalten die Banken so viele Anzeigen für Derivate & Zertifikate in der SZ, dass dazu ein Schwerpunkt mit acht Seiten erscheint (generelle Daumenregel: Pro viertelseitige Anzeige erscheint eine Seite über dieses Thema). Auf diesen Seiten kann ich nicht schreiben „Finger weg“. Stattdessen wird in den Artikeln ausführlich erklärt, wie solche Produkte funktionieren und welche Trends es bei den Angeboten gibt.

Ich: Jedenfalls, ich erlebe auch die Ablehnung aus der Wirtschaftsredaktion stark, dass wir hier Sachen machen, die die da nicht machen, weil sie sagen: Die sind falsch. Und deswegen glaube ich, dass das insgesamt kein guter Einstieg hier ist. Und werde hier wieder aufhören.

Ressortleiter: — Ich würde das sehr bedauern, bedauere es auch. Wann hatten Sie sich denn das vorgestellt, das aufhören.

Ich: Ah, ich wollte eigentlich am Freitag mit Ihnen reden, da waren Sie nicht da. Deswegen habe ich am Freitag noch einen Brief geschickt, der eigentlich am Samstag hier sein sollte. Ich weiß nicht, ob er schon angekommen ist.

Ressortleiter: Bei mir?

Ich: Ja.

Ressortleiter: Vielleicht hier in der Post (greift nach Briefen auf dem Schreibtisch). Oder? Keine Ahnung. Ich weiß es nicht.

Ich: Keine Ahnung. Er sollte am Samstag angekommen sein, gilt damit noch innerhalb des letzten Monats zugestellt und damit würde ich noch bis Ende diesen Monats hierbleiben.

Ressortleiter: — — Das ist hart, Herr Heiser. — Von heute auf morgen sozusagen.

Ich: Das ist die Frist, die im Vertrag vorgesehen war. Die für beide Seiten gilt.

Ressortleiter: — Ja, ich kann Sie natürlich da nicht zwingen. Ich bedauere es. Sie haben Ihre Sache gut gemacht. Wenn Sie sich nicht wohlfühlen, muss ich das akzeptieren. Was wollen Sie denn machen?

Ich: Keine Ahnung. Wieder etwas anderes. Ich habe noch keinen, nichts anderes. Nichts anderes vor, keine Bewerbung laufen, keine Zusage, gar nichts.

Letzter Arbeitstag

Es ist Freitag, der 27. April 2007. Mein letzter Arbeitstag. Zuvor habe ich noch meine letzte Seite fertig gemacht: „Altersvorsorge“.

(Download als MP3)

Ressortleiter: So, jetzt haben Sie Ihr letztes Werk vollbracht.

Ich: Genau. Meine „Altersvorsorge“.

Ressortleiter: Werden Sie sich nochmal einrahmen, oder? Die Seite?

Ich: Ich weiß nicht, ob ausgerechnet die.

Ressortleiter: Ja, ich hatte es Ihnen ja schon gesagt: Ich bedauere es, dass Sie diesen Schritt getan haben. Nun sind ja wieder drei Wochen schon vergangen, seit Sie mir das mitgeteilt haben. Haben Sie innerlich nicht doch einmal jetzt überlegt, ob Sie vielleicht nicht doch einen zu schnellen Schritt getan haben?

Ich: Nein.

Ressortleiter: Nein. Was hat Sie denn, war es denn wirklich nur dieser eine Fall, der Sie da zu dieser Entscheidung hat kommen lassen?

Ich: Nein.

Ressortleiter: Auch nicht. Sondern Sie hatten schon früher gespürt und gemerkt, offensichtlich: „Das ist nicht das, was ich mir vorgestellt habe“. Aber da hatten Sie dann wahrscheinlich schon eine ganz falsche Vorstellung, oder?

Ich: Was meinen Sie mit falscher Vorstellung?

Ressortleiter: Hatten Sie tatsächlich (gedacht, das sei) der Ableger des Wirtschaftsteils?

Ich: Vielleicht war das die falsche Vorstellung, ja, dass ich dachte, das wäre hier nicht so wie in vielen Regionalzeitungen und ist es ja auch nicht so, und es gäbe, was diese Frage angeht einen ganz einheitlichen Standard durch das ganze Blatt. Insofern war ich da überrascht, ja.

Ressortleiter: Hat Ihnen die Arbeit denn an sich wenigstens gefallen?

Ich: Ja, sehr nette Kollegen, interessantes Thema, sehr gute Stimmung im Büro, ich habe mich gut eingearbeitet, war mein Eindruck.

Ressortleiter: Mit den Kollegen sind Sie gut zurande gekommen. Sie haben sich sehr schnell und gut eingefügt. — Haben Sie etwas mitgenommen für Ihre Zukunft? Was machen Sie jetzt? Sie sagten ja, Sie haben nichts festes. Werden Sie wieder frei arbeiten?

Ich: Ich weiß nicht. Ich werd erstmal nach Berlin ziehen.

Ressortleiter: Nach Berlin. Weil da der Bär steppt, oder?

Ich: Ich war da schonmal. In München war ich noch nie, in München kenne ich niemanden. Und in Berlin war ich schonmal, ich kenne dort Leute, mit denen werde ich zusammen eine WG gründen, in Kreuzberg. Und… tja, mal schauen.

Ressortleiter: Sie haben sicher etwas mitgenommen. Mitgenommen im Sinne von, Erfahrungen haben Sie gesammelt. Ob gute oder schlechte kann ich nicht beurteilen, ich hoffe ausschließlich gute. Ich habe auch Verständnis, natürlich, dass Sie sagen, Sie befürchten, dass die Arbeit hier möglicherweise Ihre weitere Karriere beschädigen könnte oder Flecken auf diese Karriere fallen könnten, was ich anders sehe, weil dem ist glaube ich nicht so, aber Sie sagten mir das so.

Ich: Ja, das ist der kleinere Punkt. Der größere war, dass ich merkte, dass ich mit einigen Sachen, einer Reihe von Sachen, die ich hier gemacht habe, Bauchschmerzen hatte, dass ich das falsch fand, ich das deswegen das nicht länger machen wollte und…

Ressortleiter: Entschuldigung, welchen Sachen zum Beispiel? Nur zur Information! Man kann ja mit Bauchschmerzen nicht leben. Haben Sie mit den Bauchschmerzen dann sich so weitergehangelt? Diese Erfahrung haben Sie ja wahrscheinlich sehr schnell machen müssen, dann. Oder? Seien Sie doch ehrlich, es ging doch nicht nur um das „schwammig“, letztlich.

Ich: Nein, das „schwammig“ war ein auslösender Fall.

Ressortleiter: Wobei, da haben Sie glaub ich ein bisschen überreagiert. Ich sag es noch einmal: Der Kern der Kritik ist ja überhaupt nicht herausgenommen worden.

Ich: Ja, aber abgeschwächt. Aber das Ding war: Und da habe ich gemerkt, dass es da eine Anzeigendenke ist, zu sagen: Die Kritik ist hier zu hart, die sollte besser abgeschwächt werden. Und das ist eine Denke, die ich nicht…

Ressortleiter: das muss ich auch eingestehen, das habe ich Ihnen von Anfang an gesagt, als wir das allererste Mal zusammensaßen. Wir müssen auch so handeln und nicht nur wir, sondern alle Zeitungen handeln so inzwischen, weil die Zeiten, wo wir Anzeigen ablehnen konnten, die sind vorbei. Also, wir tun das ohnehin oftmals, ich hab gerade dem (…) wieder einen Brief geschrieben: Wenn ihr uns das anbietet oder das, dann sollten wir es ganz lassen, dann machen wir es gar nicht. Sie haben natürlich nur das mitbekommen, was jetzt direkt Ihre Arbeit so betraf, und den Spagat, den wir immer wieder machen müssen… Aber ich verstehe Ihre Position, Sie sind ein junger Mensch, Sie sind unverdorben noch, Sie stehen da wie eine Wand, wie ein Fels in der Brandung und sagen: Ne, da will ich zumindest jetzt am Anfang meiner Karriere will ich ein sauberer Journalist sein, der kritisch ist, die kritische Denke, die haben Sie natürlich aufgesogen, mitgebracht ganz frisch noch vom Studium, von der Schule, aber es wird sich ein bisschen abschleifen im Lauf der Zeit ohnehin. Ja, ich bedauere es, es ist schade. Schade, Herr Heiser.

Siehe auch: Ist es erlaubt, Gespräche aufzuzeichnen?

Gute Frage

Liebe Anja, das frage ich dich auch. Hier unser Mailverkehr von damals:

+++ +++ +++

Von: Sebastian Heiser
Datum: 21. Juni 2009 um 15:08
Betreff: Themenidee: Schleichwerbung in Zeitungen
An: Anja Reschke

Hallo Anja,

es hat mich gefreut, Dich auf dem Quellenseminar des Netzwerk Recherche auf Schloss Sörgenloch kennengelernt zu haben – ich weiß nicht, ob Du Dich erinnerst. Heute wende ich mich mit einer Themenidee an Dich, die vielleicht etwas für Panorama ist. Nach dem Abschluss meiner Ausbildung an der Kölner Journalistenschule im Herbst 2006 begann ich im Januar 2007 meinen ersten Job in der Beilagenredaktion der Süddeutschen Zeitung in München. Dort war ich für alle Finanzbeilagen zuständig, also für Themen wie Altersvorsorge, Leasing, Derivate & Zertifikate, Investmentfonds oder Mittelstandsfinanzierung. Ich habe dort die inhaltliche Konzeption der einzelnen Beilagen gemacht, die Artikel bei Freien Autoren bestellt, die Texte redigiert und auf die Seiten gebaut.

Die Beilagenredaktion macht im Schnitt 2,7 Seiten pro Erscheinungstag. Die Seiten werden vor dem Druck von der Anzeigenabteilung gegengelesen und auf deren Wunsch hin müssen Passagen, die kritisch gegenüber Anzeigenkunden sind, entschärft werden. Neben den regelmäßigen Seiten (etwa der monatlichen „Wein aus Österreich“-Seite im Feuilleton oder der „Altersvorsorge“-Seite im Wirtschaftsteil) gibt es zahllose weitere Themen. Im Blatt werden die Beilagen als „Sonderseite“ oder „Beilage“ gekennzeichnet. Den Titel „Beilagen“ tragen jedoch auch Themenschwerpunkte, die nicht von der Beilagenredaktion stammen (etwa die Berlinale-Beilage). Dadurch ist für den Leser nicht klar erkennbar, über welche Themen die SZ berichtet, weil die Redaktion die Themen für relevant hält, und über welche Themen sie berichtet, weil der Verlag Geld dafür erhält (~20.000 Euro pro Seite).

Mir war damals schnell klar, dass ich persönlich Bauschmerzen mit diesem Geschäftsmodell habe. Den Ausschlag dafür, dass ich schon nach zehn Wochen wieder kündigte, gab jedoch die Beilage „Geldanlage im Ausland“. Die Idee dazu hatte die Anzeigenabteilung, die Banken im Ausland als Kunden gewinnen wollte und sich nun überlegte, welche Inhalte eine Beilage haben müsste, damit die Banken dafür bezahlen. Auf so einer Seite, meinten die Leute aus der Anzeigenabteilung, müsse man etwa über Gesetzgebungen in Österreich, der Schweiz und Liechtenstein informieren: Wie sieht es da aus mit der Quellensteuer? Wie funktioniert das mit dem Nummernkonto eigentlich? Welche Informationen erhält das deutsche Finanzamt automatisch per Kontrollmitteilung? Solche Informationen hätte zwar jemand, der mit vielen schwarzen Millionen im Ausland sei, aber der Bauunternehmer von nebenan wisse dies vielleicht noch nicht. Dabei müsse man aber aufpassen, dass man die Finanzplätze dabei nicht als Eldorado für Verbrecher und Steuerhinterzieher darstelle, da die Banken öffentlich nicht in einem solchen Licht dargestellt werden wollten. Zwei Jahre zuvor sei in einer Beilage ein Bericht über Liechtenstein erschienen, in dem man recht deutlich habe lesen können, dass dies ein guter Platz für Schwarzgeld sei. Auf der gleichen Seite sei auch die Anzeige der fürstlich-liechtensteinischen LGT-Bank erschienen, und die hätten das überhaupt nicht gut gefunden und für anderthalb Jahre keine Anzeigen mehr geschaltet. Deshalb müsse man da bei künftigen Beilagen vorsichtiger sein und die Texte zwar so schreiben, dass jeder versteht, wie er durch Geldanlage im Ausland Steuern hinterziehen kann, dass man aber gleichzeitig den Finanzplatz nicht in ein schlechtes Bild rückt.

Die Beilage (intern sprachen wir von der „Schwarzgeld-Beilage“) erschien am 30. Mai 2007. Ich war zu diesem Zeitpunkt bereits schon von München nach Berlin gezogen. Dort machte ich zuerst ein Praktikum bei der TV-Produktionsgesellschaft Autorenwerk, wo ich als Co-Autor an Beiträgen für die ZDF-Sendung Wiso mitarbeitete. Später schrieb ich als freier Autor für verschiedene, auch überregionale Zeitungen und jetzt bin ich in der Berlin-Redaktion der taz angestellt.

Beilagenredaktionen der Print-Titel sind oft der erste Einsatzort für Jungjournalisten – andere Absolventen meiner Journalistenschule arbeiten bei oder für die Beilagen von anderen Blättern und berichten von dort ähnlich Erschreckendes. Notwendig wäre aus meiner Sicht eine breitere Recherche über die Käuflichkeit der einzelnen Medien. Und dabei geht es nicht nur um Service-Themen wie Reise, Auto und Versicherungen, auf denen die Unternehmen die Themen vorgeben und den Umfang der Berichterstattung bestimmen. Es gibt auch Image-Beilagen, in denen es darum geht, das Ansehen einer ganzen Branche zu verbessern. Für die Leser sind all diese Beilagen und serviceorientierten Seiten völlig unzureichend oder überhaupt nicht gekennzeichnet, der Einfluss der Unternehmen auf die Inhalte ist dadurch nicht erkennbar. Meine Idee ist, eine Recherche vergleichbar der von Volker Lilienthal zum Fernsehen jetzt auch zu Zeitungen zu machen.

Lilienthal hatte sich ja gegenüber der Marienhof-Produktionsfirma als Mitarbeiter einer Werbeagentur ausgegeben, um Schleichwerbung für bestimmte Sportschuhe in der Serie unterzubringen. Bei dieser Recherche würde es sich anbieten, sich als Werbeagentur auszugeben, die sich auf die Schaffung „geeigneter redaktioneller Umfelder“ spezialisiert hat. Im Gespräch mit den Verlagen könnte man sich dann berichten lassen, was dort üblich ist, und auch selbst noch ein paar unmoralische Angebote machen. Dabei könnte es sowohl um Produkt-Placement als auch um Themen-Placement gehen.

Interesse?

Beste Grüße
Sebastian Heiser

+++ +++ +++

Von: Anja Reschke
Datum: 30. Juni 2009 um 14:28
Betreff: Antwort: Themenidee: Schleichwerbung in Zeitungen
An: Sebastian Heiser

Hallo Sebastian,

vielen Dank für Deine Mail.

Ja, das Thema PR und Journalismus ist ein Dauerbrenner. Für Panorama sehe ich das nicht, eher für Zapp.

Allerdings hat die Zapp-Redaktion schon wirklich viele Beiträge dazu gemacht. Ich habe aber Deine Mail trotzdem mal an ein paar Kollegen aus der Zapp Redaktion weitergeleitet, die sich damit schon beschäfigt hatten. Wundere Dich also nicht, wenn sich jemand von denen bei Dir meldet.

Ich habe es zum Beispiel auch an […] gemailt, die war auch auf dem Quellenseminar.

Viele Grüße und vielen Dank für den Themenvorschlag

Anja Reschke
NDR
Redaktion Panorama

+++ +++ +++

Von: Sebastian Heiser
Datum: 30. Juni 2009 um 16:55
Betreff: Re: Themenidee: Schleichwerbung in Zeitungen
An: Anja Reschke

Hallo Anja,

> Ja, das Thema PR und Journalismus ist
> ein Dauerbrenner. Für Panorama sehe
> ich das nicht, eher für Zapp.

schade, denn Zapp hatte ich das bereits angeboten und die haben sich dagegen entschieden…

Beste Grüße
Sebastian Heiser

SZ-Leaks: Schleichwerbung für Steuerhinterziehung

Offshore-Leaks, Lux-Leaks und jetzt Swiss-Leaks: Die Süddeutsche Zeitung ist das Sturmgeschütz des Finanzamts. Die Redaktion veröffentlicht regelmäßig Informationen aus internen Bankunterlagen, an die sie durch Whistleblower kommt. Was die Zeitung nie erwähnt: Dass sie selbst ihre Leser auf die Steuerhinterziehung im Ausland hingewiesen hat und sich dafür von den Banken bezahlen ließ. Ich war damals in der Redaktion dafür zuständig. Es war das Jahr 2007, es war mein erster Job nach dem Studium und bis heute habe ich darüber geschwiegen.

Von Sebastian Heiser

„Man hört immer von einem Schweizer Nummernkonto, aber der Otto-Normal-Verbraucher kann sich da nicht viel drunter vorstellen“, sagt der Mitarbeiter der Anzeigenabteilung zu mir. Es ist Freitag, der 16. März 2007, ich arbeite seit acht Wochen in der Redaktion der Süddeutschen Zeitung. Der Mitarbeiter der Anzeigenabteilung hat zwei Kolleginnen und mich zu einem Termin geladen an einen Besprechungstisch am Rande ihres Großraumbüros. Thema des Treffens: Was ich in der Zeitung schreiben soll, damit ausländische Banken mehr Anzeigen bei uns schalten.

Der Mitarbeiter der Anzeigenabteilung überlegt, wie man dem Otto-Normal-Verbraucher in einem Artikel ein Nummernkonto erklären kann: „Der weiß überhaupt nicht, wie kann ich das Ding erstellen, mit welchem Mindestvermögen kann ich es erstellen, welche Daten muss ich bei der Bank hinterlegen, wo werden die gespeichert und so weiter. Das sind ja alles Infos, die weiß jemand, der mit vielen vielen schwarzen Millionen im Ausland ist, aber der Bauunternehmer von nebenan…“ Der sei eben „zu klein“ für einen „guten Private Banker“.

Zweieinhalb Monate später erscheint die Seite mit dem Titel „Geldanlage im Ausland“. Der Aufmacher-Text gibt auf 150 Zeilen detailliert Service-Tipps, wie die Leser die in Deutschland fälligen Steuern auf Kapitaleinkünfte durch Verlagerung des Depots ins Ausland und das geschickte Ausnutzen von Freibeträgen auf „im Schnitt 15 Prozent effektive Steuerbelastung“ senken können – Zitat: „ein Schnäppchen“. Ein anderer Artikel beleuchtet, dass es derzeit noch keinen grenzüberschreitenden Informationsaustausch der Finanzbehörden gibt. Sprich: Im Ausland ist das Geld sicher vor dem deutschen Fiskus.

Es ist eine unverhohlene Werbung für Steuerhinterziehung. Gedruckt von der Süddeutschen Zeitung, weil sie dafür eine gut bezahlte Anzeige von der Tiroler Sparkasse erhält. Und ich bin dafür zuständig, die Texte auf dieser Seite zu schreiben oder von anderen Mitarbeitern zu bestellen und zu redigieren. Wie bin ich hier nur reingeraten?

„Fachjournalist für trockene Themen“

Als kleiner Junge dachte ich immer, dass Erwachsene alles wissen. Das machte mich ganz neidisch – ich konnte es nicht abwarten, bis auch ich endlich verstehe, wie die Welt funktioniert. Später merkte ich, dass Wissen sich nicht von alleine einstellt. Deshalb bin ich Journalist geworden. Weil ich in dem Beruf den Dingen, die mich interessieren, auf den Grund gehen kann. Weil ich kluge Leute anrufen und ihnen dumme Fragen stellen kann.

Weil es an meiner Schule keine Schülerzeitung gibt, gründe ich selbst eine. Nach dem Abitur schreibe ich als Freier Mitarbeiter für den Lokalteil meiner Heimatzeitung. Dort komme ich auch zum ersten Mal auf den Geschmack, was Recherchen angeht. Ein Investor will den Platz vor dem Rathaus aufreißen und dort eine Tiefgarage bauen. Dabei ist er völlig unseriös, wie ich belegen kann. Die Stadt trennt sich schließlich von dem Investor.

fachjournalistIch studiere erst BWL, dann gehe ich auf die Kölner Journalistenschule für Politik und Wirtschaft. Auf meiner Webseite stelle ich mich als „Fachjournalist für trockene Themen“ vor. Meine Lieblingsherangehensweise an Themen: Fakten sammeln und Hintergründe beleuchten. Am wohlsten fühle ich mich immer in einem Berg von Akten, Protokollen und Gesetzesbegründungen.

Mein letztes Praktikum während der Journalistenschule mache ich in der Parlamentsredaktion Wirtschaft der Süddeutschen Zeitung in Berlin. Ich schreibe über das Insolvenzrecht, über die Telekommunikations-Regulierung, die Reform der Eigenheimförderung und die Grundsteuer. Ich liebe solche Themen.

Jobangebot im Bewerbungsgespräch

Nach dem Ende des Praktikums höre ich, dass die Redaktion Verstärkung sucht. Am 15. Dezember 2006 fahre ich zum Bewerbungsgespräch nach München. Das ist der Tag, an dem ich zum ersten Mal eine Ahnung bekomme, dass hier etwas nicht stimmt. „Wir bemühen uns natürlich, die Ansprüche der Unternehmen so gut wie möglich zurückzuweisen”, sagt mein Ressortleiter. Es komme aber auf den Einzelfall an und es gebe „keine klare Grenze“. Noch während des Gespräches bietet er mir den Job an. Ich glaube, ich höre nicht richtig. Ich bin 27 Jahre alt und habe das Angebot, bei einer der renommiertesten Tageszeitungen der Republik zu arbeiten und 3.100 Euro brutto zu verdienen.

Ich sage zu und ziehe nach München. Was es mit der fehlenden klaren Grenze zu den Ansprüchen der Unternehmen wohl auf sich hat, frage ich mich nicht.

sonderthemenMein erster Arbeitstag ist der 15. Januar 2007. Das Ressort, in dem ich gelandet bin, ist komplett anders als das Wirtschaftsressort, für das ich zuvor geschrieben habe. Wir sind für Seiten zu bestimmten Themenschwerpunkten zuständig. Zehn Personen arbeiten hier, wir machen im Jahr 2007 im Schnitt 2,7 Seiten pro Erscheinungstag. Die Titel: Beruf und Karriere, Immobilien, Energie, Sommerkonzerte, Lernen, Russland, Wasser, Gesund leben, Opernfestspiele München, Reisen in Österreich, Mode, Kreuzfahrten, Winterreifen und so weiter (siehe auch die Themenliste 2015).

Es sind die klassischen Ratgeber-Seiten: Die Leser erhalten hier eine Orientierung für ihre Kaufentscheidungen. Und genau auf diese Seiten haben die Anzeigenkunden den größten Einfluss.

Immer auf der rechten Seite

Auf unseren Seiten steht oben in großen Buchstaben das Thema, etwa „Altersvorsorge“, und darunter etwas kleiner „Eine Sonderseite der Süddeutschen Zeitung“. Meine Seiten erscheinen meistens im Wirtschaftsteil der Zeitung. Nach außen sieht dieser Teil aus, als ob er aus einem Guss wäre. Doch intern wird er von völlig unterschiedlichen Abteilungen gefüllt. Der Wirtschaftsteil beginnt dann mit vier Seiten, die von der Wirtschaftsredaktion gemacht werden, die fünfte Seite wird von mir aus der Sonderthemen-Redaktion gemacht, dann geht es wieder weiter mit Inhalten aus der Wirtschaftsredaktion.

Ich habe die fünfte Seite, niemals die vierte, weil die fünfte Seite rechts ist und die Leser nach dem Umblättern zuerst dorthin schauen. Ich habe aber auch nicht jeden Tag die fünfte Seite. An den meisten Tagen habe ich gar keine Seite, an manchen Tagen mehrere. Pro Jahr betreue ich 80 Seiten. Meine besonders umfrangreichen Sonderthemen erscheinen als eigener Teil der Zeitung, als eigenes „Zeitungsbuch“ genau wie das Feuilleton oder der Wirtschaftsteil. Ich bin für alle Finanzthemen zuständig, meine Seiten tragen Titel wie “Investmentfonds”, “Finanzieren im Mittelstand”, “Private Banking”.

Meine Aufgabe ist, den Platz auf den Seiten mit Artikeln zu füllen. Ich entscheide über die Themen der einzelnen Artikel und bestelle die Texte, zumeist bei freien Mitarbeitern, manchmal auch bei Redakteuren aus dem Haus. Ein paar Artikel schreibe ich auch selbst. Dann bestelle ich die Fotos bei der Foto-Redaktion, gehe zur Layout-Abteilung und bringe am Ende die Texte auf die richtige Länge.

Inhaltlich handelt es sich bei den Texten um Journalismus-Imitate. Von außen gesehen sind sie leicht mit richtigem Journalismus zu verwechseln: Sie sind gut recherchiert, alle Fakten stimmen, auch stilistisch sind sie genau so geschrieben wie normale Artikel. Es gibt aber zwei entscheidende Unterschiede zu richtigem Journalismus:

1. Themenauswahl nach Geld

In der Welt passiert viel mehr, als in eine Zeitung passt. Daher muss irgendwie ausgewählt werden, welche Themen überhaupt ins Blatt kommen und wie viel Platz sie dort bekommen. Bei richtigem Journalismus werden die Themen nach ihrer Relevanz für die Leser ausgewählt. Kommunikationswissenschaftler sprechen von der Gatekeeping-Funktion: Die Medien vermitteln den Lesern, welche Themen gerade wichtig sind. Damit geben die Medien wiederum die Agenda vor für die politische und gesellschaftliche Debatte. Medien erzeugen Wichtigkeit.

Die Seiten bestehen aus 1/4 Anzeigen und 3/4 redaktionellem Inhalt

Die Seiten bestehen aus 1/4 Anzeigen und 3/4 redaktionellem Inhalt

Bei dem Journalismus-Imitat in meinem Ressort wird nicht nach Relevanz entschieden, sondern nach Geld. Rein kommen die Themen, für die Anzeigen geschaltet werden. Die Daumenregel: Für jede viertelseitige Anzeige (Kosten damals: rund 20.000 Euro zuzüglich Mehrwertsteuer) erscheint eine Seite über dieses Thema.

So kommt es, dass in der Süddeutschen Zeitung recht viele Seiten erscheinen über die Zusatzausbildung für angehende Manager, Master of Business Administration (MBA). Es sind vorwiegend private Universitäten, die gegen hohe Studiengebühren diese Kurse anbieten. Meine Kollegin in der Redaktion, die für diese Seiten zuständig ist, meint: Der MBA werde „komplett überbewertet und ist eigentlich auf dem absteigenden Ast“. Doch weil so viele Anzeigen von den Anbietern geschaltet werden, erscheint dazu ein Schwerpunkt mit acht Seiten, „was ja überhaupt nicht der Wichtigkeit entspricht“. Andere Studiengänge werden dagegen nicht so oft so groß vorgestellt. Nicht, weil sie schlechter wären, sondern weil dafür nicht so viele teure Anzeigen geschaltet werden.

derizertEin anderes Beispiel: Ich unterhalte mich mit einer Redakteurin aus dem Wirtschafts-Ressort über das Thema „Derivate & Zertifikate“, das ich betreue. Es geht dort um solche komplizierten Geldanlagen wie die, die wenige Monate später die weltweite Finanzkrise auslösen werden. Sie sagt über die Seiten, die sie betreut: „Bei uns kommt kein Artikel über diese Produkte rein, weil wir die Leute da sonst reintreiben und das nicht wollen.“ Die Produkte seien für die Leser der Süddeutschen Zeitung einfach zu kompliziert.

Die Banken verdienen mit diesen Produkten dagegen so gut und schalten so viele Anzeigen, dass das Sonderthema „Derivate & Zertifikate“ auf acht Seiten anwächst. Und ich stehe vor einer ganz neuen Herausforderung: Üblicherweise hat man immer zu wenig Platz in der Zeitung, muss um 20 Zeilen mehr oder weniger kämpfen und alles komprimieren und quetschen. Jetzt breiten sich acht leere Seiten vor mir aus und suche händeringend nach Ideen, wie ich die bloß voll bekommen soll.

wein-aus-oesterreichUnd dann gibt es noch Seiten wie „Wein aus Österreich“, auf denen gar keine Anzeigen erscheinen. Das Geld wird hier direkt von einem Zusammenschluss von Winzern als „Druckkostenzuschuss“ bezahlt, damit wir Artikel über das Thema schreiben.

2. Freundliche Grundhaltung

Bei richtigem Journalismus haben die Journalisten eine kritische Grundhaltung. Sie wollen neben den Vorteilen und Chancen auch die Nachteile und Risiken darstellen. In meiner Sonderthemen-Redaktion gelten andere Regeln. Diese Regeln sind nicht ganz klar und nirgendwo genau festgeschrieben. Ich lerne sie erst nach und nach kennen.

investmentfondsZum Beispiel, als ich meine Seiten über Investmentfonds fertig habe. Unten auf einer Seite ist eine Anzeige von Pioneer Investments. In dem Artikel oben drüber steht, das Anlageziel eines bestimmten Fonds von Pioneer sei „schwammig“ formuliert. Mein Telefon klingelt. „Das sollten wir besser streichen”, sagt meine Ansprechpartnerin aus der Anzeigenabteilung. Ich muss ihr alle Artikel zur Abnahme vorlegen, bevor sie in Druck gehen. Sie sagt, Pioneer könnte sich über die Kritik ärgern. Ich halte dagegen: Es sei inhaltlich absolut gerechtfertigt, das so zu formulieren. Doch sie bleibt hart.

Ich gehe also zu meinem Chef. Der meint: „Das ist natürlich blöd mit der Anzeige unten drunter. Dann nehmen Sie es doch raus.” Ich halte das für falsch. Aber er entscheidet. „Um des Friedens Willen habe ich das Wort gestrichen“, mailt er an die Mitarbeiterin der Anzeigenabteilung und an mich. Im Text steht nun weiterhin, dass das Anlageziel sehr offen formuliert ist. Doch das Wort „schwammig” muss raus.

Schere im Kopf

„Das überrascht mich nicht“, sagt eine Kollegin ein paar Tage später beim Mittagessen. „Bei mir greift da auch schon die Schere im Kopf. In meinen Texten würde kein ’schwammig‘ mehr drinstehen, das würde ich gleich herauskürzen.“ Sie sagt, es habe „mit Journalismus manchmal nichts mehr zu tun, was wir hier machen.“

massgeschneidertDie Grundhaltung auf den Seiten ist freundlich. Kritische Aspekte werden weggelassen, abgeschwächt oder zwischen Lob versteckt. Die Süddeutsche Zeitung beschreibt das heute auf ihrer Webseite so: „Maßgeschneiderte redaktionelle Umfelder in der Süddeutschen Zeitung bieten das perfekte Umfeld, um Marken und Produkte zu inszenieren und unserer hochwertigen Leserschaft näher zu bringen.“

Ein geflügeltes Wort in der Redaktion lautet: Sonderseiten über Brasilien kann man nicht mit einem Artikel über die Slums aufmachen. Wir schreiben stattdessen mehr über die schönen, positiven Aspekte. Bei Brasilien also über die Copacabana. Und bei meinen Finanzseiten über die Fragen: Wie funktionieren solche Produkte? Für wen lohnen sie sich?

Anruf eines Lesers

Eine unabhängige und umfassende Beratung kann man auf meinen Seiten jedenfalls nicht erwarten. Das Problem ist nur, dass die Leser das nicht wissen. Eines Tages ruft ein Leser an und beklagt sich über eine missverständliche Formulierung in einem Artikel. Er sagt: „Der Wirtschaftsteil der Süddeutschen ist ja sonst immer so hervorragend und die Leser halten sich auch dran, weil sie sich selber nicht so gut auskennen.“

Am liebsten würde ich antworten: Seien Sie nicht so leichtgläubig! Aber natürlich kann ich ihm das nicht sagen. Und es würde wohl auch nicht viel bringen – immerhin hat die Süddeutsche Zeitung 1,5 Millionen Leser, und bis die alle bei mir angerufen haben und ich sie warnen kann… Stattdessen bedanke ich mich schmallippig für das Lob und fühle mich kotzübel.

Redaktionskonferenzen sind besonders schlimm

Besonders hart zu ertragen ist es für mich, wenn ich auf die große Redaktionskonferenz gehe. Dort sitzen sie alle, aus der ganzen Zeitung, und sprechen über die großen Themen für die Ausgabe des nächsten Tages. Ich sitze da nun im gleichen Raum wie die Leute, deren Artikel ich seit Jahren mit heißer Bewunderung lese. Aber ich darf nicht den gleichen Journalismus machen wie sie. Sie sitzen in der Politikredaktion oder in der Wirtschaftsredaktion, sie dürfen unabhängig vom Einfluss der Anzeigenkunden arbeiten, sie dürfen Themen umfassend beleuchten, sie dürfen auf Nachteile hinweisen, sie dürfen Skandale aufdecken, sie dürfen „schwammig“ schreiben. Sie dürfen alles, was ich immer wollte. Uns trennen nur wenige Stühle – und doch Welten.

Ich suche Kontakt zu meinen Vorbildern in der Redaktion. Spreche sie auf dem Flur an oder auf Journalistenkongressen. Sobald ich ihnen erzähle, wie stark wir in meiner Abteilung auf die Wünsche der Anzeigenkunden eingehe und wie stark mich das bedrückt, werden die Kollegen einsilbig und wechseln das Thema. Es ist ihnen unangenehm. Ob beim Mittagessen, beim Kontakt mit Korrespondenten oder in der Foto-Redaktion: Überall spürt man, dass man als Mitarbeiter der Sonderthemen-Redaktion nicht so richtig dazugehört.

Als ich eines Tages in die Morgenkonferenz der Wirtschaftsredaktion gehe, um mich dort vorzustellen, sagt eine Redakteurin vor versammelter Mannschaft: „Sie müssen wissen: Wir alle hassen diese Seiten.”

Ich auch. Ich finde meine Arbeit abstoßend und amoralisch. Und ich bin unglaublich wütend auf die Süddeutsche Zeitung, dass sie mir mein Idealbild vom Journalismus zerstört hat. Und dass sie ihre Leser betrügt und verkauft. So etwas sollte in keiner Zeitung passieren. So etwas sollte in der Zeitung stehen! Oder? Ich kaufe mir ein Aufnahmegerät. Die Zeitung meiner Träume wird zum Zielobjekt einer Recherche.

Anleitung zur Steuerhinterziehung

Drei Mitarbeiter der Anzeigenabteilung haben mich zu einer Besprechung gerufen, wir setzen uns an den Besprechungstisch am Rande ihres Großraumbüros. Es ist Freitag, der 16. März 2007, acht Wochen nach meinem ersten Arbeitstag. „Unsere Finanz-Sonderveröffentlichungen sind ja momentan wirklich super toll am Start“, sagt eine Mitarbeiterin. „Momentan sind das für unseren Bereich die Umsatzretter.“

(Siehe auch: Das Wort-für-Wort-Transkript sowie die Audio-Datei als MP3)

Man wolle das Geschäft jetzt „nochmal ein Stück attraktiver gestalten“ für Banken in der Schweiz, in Österreich, Luxemburg, sagt ein anderer Mitarbeiter. Dabei „muss natürlich sichergestellt sein, dass man die Finanzplätze nicht als Schwarzgeldparadiese darstellt“. Vor zwei Jahren habe es da ein Problem gegeben: „Da gab es einen Bericht über Liechtenstein mit einem Unterton: Ein guter Platz für schwarzes Geld.“ Und gleich daneben war eine Anzeige der liechtensteinischen LGT-Bank. „Die fanden das überhaupt nicht gut, weil sie gesagt haben, ihr stellt unser Land und unsere Bank in dem Zusammenhang mit der Anzeige so dar, als wenn wir nur für Schwarzgelder zuständig wären, wir sind aber ein seriöses Institut“.

Ich sage: „Aber das ist doch all die Jahre deren Geschäftsmodell, dass die Schwarzgelder rüberziehen, weil warum sollte man sonst da hingehen?“

Man muss das „geschickt verpacken“

„Natürlich, aber das kommuniziert man halt nicht unbedingt so offen“, sagt der Mitarbeiter. Seine Idee: Auf einer neuen Themenseite soll ich die Rechtslagen in Deutschland und im Ausland vergleichen. In Deutschland wird in gut drei Monaten, zum 1. Juli 2007, eine individuelle, lebenslang gültige Steueridentifikationsnummer für jeden Bürger eingeführt. Wegen des zunehmenden Datenaustausches wird es immer schwieriger, dem Finanzamt sein Einkommen zu verheimlichen. Der Mitarbeiter sagt: „In Deutschland wird es in Zukunft einen globalen Abzug und eine zentrale Versteuerung geben und die Banken überweisen direkt ans Finanzamt. Das hat man in Österreich oder in der Schweiz nicht. Allerdings bist Du natürlich als Deutscher mit Deinem gesamten Welteinkommen in Deutschland steuerpflichtig und bist natürlich verpflichtet, es anzugeben – ob es überprüft wird, ist eine andere Frage.“

Die Leser brauchen dann nur noch eins und eins zusammenzählen: Wer die ausländischen Einkünfte dem Finanzamt nicht meldet, kann so seine Steuern hinterziehen. „Was der einzelne weglässt, ist ja ihm überlassen. Zum Beispiel die Steuern dann hier in Deutschland zu zahlen“, sagt die Mitarbeiterin.

Das darf da allerdings nicht ausdrücklich stehen. Man dürfe das „halt nicht so als globale Schwarzgeldwerbung darstellen, weil dann kriegen wir ein Problem für den Kunden“, sagt der Mitarbeiter der Anzeigenabteilung. Man müsse das „geschickt verpacken“, so „dass jeder rauslesen kann, welche Möglichkeiten er theoretisch hätte, er aber darauf aufmerksam gemacht wird, dass wir das nicht unterstützen und ihm Tipps geben wollen“.

Wo die Mafia ihr Geld anlegt

Unvermittelt beginnt der Mitarbeiter, über eine Bank im Kleinwalsertal zu sprechen, einer österreichischen Exklave in Deutschland: „Mit den damaligen Nummernkonten wussten ja net einmal die Österreicher, wer der Kontoinhaber ist“, sagt er. „Das Paradies schlechthin.“ Im Gebäude der Bank gebe es „so viel Marmor und Kunst, das ist abartig“. Da lägen „wirklich schwarze Gelder, richtig schwarze Gelder, da sind mit Sicherheit auch Mafia und andere“.

Später flachsen wir über den Titel für die Seite. „Geldanlage, die keiner findet“, schlägt eine Mitarbeiterin vor. Oder: „Ab über die Grenze“.

„Auf jeden Fall ist eins wichtig: Dass man es nicht als Eldorado für Verbrecher und Steuerhinterzieher darstellt, weil dann kriegen wir da keine Anzeigen“, sagt der Mitarbeiter. „Wenn man es nicht sensibel anpackt, dann machen wir es genau ein Mal. Dann können wir die Serie danach gleich stornieren, weil dann bucht uns da keiner mehr rein, weil die viel zu viel Angst haben, dass man sie in irgendwelche Lichter schiebt, in denen sie nicht stehen wollen – obwohl sie drin stehen, aber die wollen ja nicht in der Öffentlichkeit darin stehen. Weil die haben ja noch österreichische Kunden, die sie da ganz normal behandeln müssen.“

„Ja, ich werde das mal besprechen“, sage ich. „Sie hören am Montag von mir.“

Mein Chef versteht sofort

Gleich nach dem Wochenende trage ich dem Leiter meiner Redaktion die Idee der Anzeigenabteilung vor: Die wolle Banken im Ausland ansprechen.

(Siehe auch: Das Wort-für-Wort-Transkript sowie die Audio-Datei als MP3)

Mein Chef fragt: „Und mit welcher Maßgabe ansprechen, was will man von denen?“

Ich: „Anzeigen.“

Wir beide lachen laut los. Anzeigen, was sonst. Darum geht es bei uns schließlich immer. „Schlauberger!“, sagt mein Chef.

Ich fahre fort, es solle „darum gehen, die Finanzplätze da vorzustellen und die Rechtslagen da zu beschreiben: Unter welchen Aspekten kann ich als deutscher Anleger in Österreich, in der Schweiz, in Liechtenstein, Luxemburg mein Geld anlegen.“

Er kapiert sofort: „Das ist ja gar nicht so uninteressant. Also wie kann ich mein Geld schwarz nach Luxemburg bringen.“

Ich schildere das Problem mit der LGT-Bank: „Das haben die überhaupt nicht gern gesehen, weil die so nicht dargestellt werden wollen.“

„Ja, ja“, sagt mein Chef.

Deswegen solle die Rechtslage vorgestellt werden, sage ich: „In Deutschland wird das Geld dann automatisch abgeführt ans Finanzamt, in den Ländern wird das nicht gemacht, man ist aber trotzdem verpflichtet, seine Sachen da anzugeben.“

„Was die Leute dann in der Praxis tun ist eine andere Sache“, sagt mein Chef. „Dass sie mit dem Geldkoffer nach wie vor über die Schweizer Grenze…“

Er gibt grünes Licht: „Ja. Im Grunde ok, oder?“

Ich kündige

Zwei Wochen später kündige ich. Es ist Ende März, zehn Wochen nach meinem ersten Arbeitstag.

Mein Chef ist überrascht. „Ich hab Ihnen ja gesagt, dass wir hier uns manchmal im Grenzbereich bewegen”, sagt er. Die Zeitung sei „natürlich vom Anzeigenaufkommen abhängig, in einer gewissen Weise, was nicht heißt, dass wir nun nach deren Pfeife tanzen. Aber natürlich müssen wir uns immer arrangieren.”

Zur Begründung meiner Kündigung komme ich auch nochmal auf das „schwammig“ zurück als auslösender Fall. „Da haben Sie glaub ich ein bisschen überreagiert“, sagt mein Chef. Der Kern der Kritik sei ja aus dem Artikel gar nicht herausgenommen worden. „Ja, aber abgeschwächt“, sage ich. Der entscheidende Punkt für mich war, dass das nicht mit einer inhaltlichen Begründung passierte: „Da habe ich gemerkt, dass es eine Anzeigendenke ist, zu sagen: Die Kritik ist hier zu hart, die sollte besser abgeschwächt werden.“ Diese Denke will ich nicht.

(Siehe auch: Wort-für-Wort-Transkript sowie Download als MP3)

„Das muss ich auch eingestehen“, sagt mein Chef, „das habe ich Ihnen von Anfang an gesagt, als wir das allererste Mal zusammensaßen.“ Außerdem sei die Süddeutsche Zeitung kein Einzelfall: „Wir müssen auch so handeln und nicht nur wir, sondern alle Zeitungen handeln so inzwischen, weil die Zeiten, wo wir Anzeigen ablehnen konnten, sind vorbei. Aber ich verstehe Ihre Position, Sie sind ein junger Mensch, Sie sind unverdorben noch. Sie stehen da wie eine Wand, wie ein Fels in der Brandung und sagen: ‚Ne, da will ich zumindest jetzt am Anfang meiner Karriere ein sauberer Journalist sein, der kritisch ist.‘ Die kritische Denke, die haben Sie natürlich aufgesogen, mitgebracht ganz frisch noch vom Studium, von der Schule, aber es wird sich ein bisschen abschleifen im Lauf der Zeit ohnehin.“ Meine Kündigung bedauere er.

geldanlage-im-auslandWegen meiner Kündigung muss dann ein Kollege die Steuerhinterzieher-Seite übernehmen. Der Vorspann des Aufmacher-Textes lautet: „Vorsichtige Schätzungen der Deutschen Steuer-Gewerkschaft besagen, dass deutsche Anleger im Ausland circa 350 Milliarden Euro aus unversteuerten Einnahmen angelegt haben. Auch die Erträge, die diese Investments abwerfen, werden oftmals dem Finanzamt vorenthalten. Was hingegen weniger bekannt ist: Auch für ehrliche Privatanleger gibt es Gründe, jenseits der deutschen Grenzen zu investieren.“ (Download der Seite als PDF)

Ein anderer Artikel beleuchtet die bevorstehende Einführung der Steueridentifikationsnummer in Deutschland: „Banken, Sparkassen und Versicherungen müssen ihre Kunden respektive Mitarbeiter unter der allgegenwärtigen ID-Nummer führen, damit die Finanzverwaltung einen problemlosen Zugriff auf deren Einkommens-und Vermögensdaten hat. Datenschützer befürchten Schlimmes.“ Somit gebe es einen „beinahe perfekten Kontrollmechanismus“ für das Vermögen, das bei deutschen Banken liegt – mit Banken im Ausland dagegen gebe es allerdings bislang keinen so großen Datenaustausch.

Ein Jahr später, im Mai 2008, finde ich einen Job bei der taz. Die Heuchelei, mit der die Süddeutsche Zeitung sich heute über Steuerhinterziehung empört, kann ich nicht länger ertragen. Was ist schon die Hinterziehung einer Steuer gegen die Anleitung dazu?

Zum Weiterlesen:

Hat sich die Kündigung gelohnt?

Ist es erlaubt, Gespräche aufzuzeichnen?

Die Rechtslage bei verdeckten Recherchen

Die Rechtslage bei Schleichwerbung

Was würde die Süddeutsche Zeitung mir raten?

Hat sich die Kündigung gelohnt?

Das Jahr ohne Job war hart für mich, aber langfristig hat es sich absolut gelohnt. Ich kann bei der taz genau den Journalismus machen, den ich immer machen wollte. Am deutlichsten wird das bei Artikeln wie den folgenden – die ich bei der Süddeutschen Zeitung niemals auf meine Seiten bekommen hätte:

merkel-titel– Angela Merkel stellt sich öffentlich gerne als Klimaschützerin dar. Welchen Strom sie im Kanzleramt bezieht, soll aber geheim bleiben. Ich klage auf Auskunft: Es ist besonders klimaschädlicher Kohlestrom.

– 280.000 Berliner fordern mit ihrer Unterschrift die Veröffentlichung der Verträge, mit denen Berlin seine Wasserbetriebe privatisiert hat. Ich komme über Informanten an die Verträge und veröffentliche sie.

– Nach der Bundestagswahl 2009 macht die schwarz-gelbe Koalition den Atomausstieg rückgängig. Ich komme mit einem Kollegen an die internen Papiere aus der Atomindustrie, die zeigen, wie die Konzerne dieser Entscheidung durch ihre Lobbyarbeit den Weg bereitet haben.

bvg-casino– Die Berliner Verkehrsbetriebe spekulieren an den Finanzmärkten und verzocken sich um 150 Millionen Euro. Ich komme an interne Dokumente aus dem darauffolgenden Gerichtsverfahren und kann den Ablauf des Desasters schildern.

– Klaus Wowereit behauptet, für sein Sommerfest im Roten Rathaus würden keine öffentlichen Mittel fließen, das Geld komme stattdessen von Sponsoren aus Wirtschaft, Kultur und Gastronomie. Ich klage auf Auskunft: Ein Drittel des Geldes kommt von landeseigenen Unternehmen, bei denen Wowereit teilweise persönlich im Aufsichtsrat sitzt.

aktenzeichen-super-gau– Unterlagen aus dem Umweltministerium über eine Krisenstabsübung zeigen: Die Ministerien, die im Falle eines Super-GAUS die Maßnahmen koordinieren sollen, sind damit heillos überfordert – die Bevölkerung wird viel zu spät informiert.

– Das Land Berlin beschließt ein Nichtraucherschutzgesetz. Ich kritisiere in einem Kommentar, das Gesetz sei in einigen Punkten schwammig.

– Wie käuflich sind andere Medien? Ich nutze meine Kenntnisse über das Schleichwerbe-Handwerk für eine verdeckte Recherche bei zehn Zeitungen und Magazinen. Das NDR-Medienmagazin Zapp macht dazu einen Beitrag:

Ist es erlaubt, Gespräche aufzuzeichnen?

Die Aufzeichnung eines Gesprächs ist strafbar, wenn es „unbefugt“ geschieht – so § 201 des Strafgesetzbuches. Für Journalisten ergibt sich die Befugnis aus Artikel 5 des Grundgesetzes, dem Grundrecht der Pressefreiheit.

Ein bekanntes Urteil dazu stammt vom OLG München und behandelt die verdeckte Recherche von Volker Lilienthal zur Schleichwerbung im Marienhof. Lilienthal hatte sich bei einer verdeckten Recherche als Unternehmensberater ausgegeben und so getan, als wolle er Werbung für Schuhe in der Serie unterbringen. Das Gericht urteilte, dass in diesem Zusammenhang auch die verdeckte Tonaufzeichnung erlaubt sei. Lilienthal konnte seine Recherchen – inklusive der Informationen aus der Tonaufzeichnung – 2005 veröffentlichen und viele Medien griffen das Thema auf, so auch die Süddeutsche Zeitung.

Die entscheidende Stelle in dem Urteil lautet, es „muss im Rahmen einer grundrechtskonformen Auslegung vor dem Hintergrund des Art. 5 Abs. 1 GG das Tatbestandsmerkmal „unbefugt“ (bzw. je nach dogmatischem Ansatz das Rechtswidrigkeitsmerkmal) im Rahmen einer Abwägung so verstanden werden, dass die vom Beklagten [Lilienthal] vorgenommene Verwertung oder, falls er die Aufzeichnung selbst vorgenommen haben sollte, deren Aufzeichnung und Verwertung nicht als unbefugt i.S.v. § 201 StGB angesehen werden kann“. Das Urteil ist rechtskräftig.

Was würde die Süddeutsche Zeitung mir raten?

Auf den wöchentlichen „Beruf und Karriere“-Themenseiten, die meine Redaktion erstellt, erscheint die Rubrik „Jobcoach“. Leser können ihre Fragen und Probleme mailen, die Antworten schreibt eine Freie Mitarbeiterin. Mal schauen, was Leuten wie mir da so geraten wird. Ich lege mir also eine Mailadresse mit falschem Namen zu und schreibe am 15. März 2007:

Sehr geehrte Frau Demmer,

ich stecke in einer beruflichen Situation, die mir sehr viel Kopfzerbrechen bereitet, und würde mich freuen, wenn Sie mir einen Denkanstoss geben könnten!

Nach dem Studium habe ich meinen ersten Job — es geht um Finanzen — bei einem angesehenen Arbeitgeber gefunden. Doch in meiner Abteilung scheint einiges nicht koscher zu laufen: Da werden allgemein anerkannte Berufsstandards gebrochen und Kunden hinters Licht geführt, weil den Verantwortlichen der schnelle Umsatz wichtiger ist. Ich bin hier unglücklich – aber wenn ich weiter durchhalte, kann ich vielleicht in ein paar Jahren die Abteilung wechseln. Was soll ich tun?

Mit freundlichen Grüßen
Alexander Gallo

Die Autorin mailt mir zurück:

Lieber Herr Gallo,

dank meiner Vorliebe für wirtschaftsnahe Kriminalromane und der in den letzten Jahren gehäuften Berichterstattung über Wirtschaftsstrafsachen hat mich Ihre Schilderung der unlauteren Vorgänge in Ihrer Firma nicht wirklich im Mark erschüttert. Dacht‘ ich mir’s doch längst! Nun gut, Sie allein werden die bösen Umtriebe nicht abstellen können. Aber wollen Sie deshalb wirklich so lange in dem Unternehmen bleiben, bis man eines Tages Wind von den Geschichten bekommt und Ihre Abteilung gründlich unter die Lupe nimmt? Sie können sich doch denken, was dann passiert: Vorstand und Aufsichtsrat versichern, von nichts gewusst zu haben, und verweisen unter Hinterlassung dicker Krokodilstränen auf einzelne kriminelle Elemente in der ansonsten pieksauberen Firma. Anschließend wird reorganisiert, Ihre Abteilung dicht gemacht und Sie sind Ihren Job los. Sie könnten ja zu viel wissen.

Angesichts dieser vorhersagbaren Entwicklung haben Sie genau drei Handlungsmöglichkeiten. Sie können beide Augen fest zukneifen und darauf hinarbeiten, schnellstens die Abteilung zu wechseln. Wenn genügend Zeit zwischen Ihrem alten und Ihrem neuen Job liegt, könnten Sie mit Ihrem schlechten Gewissen davon kommen. Nur wer sagt Ihnen, dass es eine Etage über oder unter Ihnen korrekter zugeht? Die zweite Möglichkeit: Sie wechseln nicht die Abteilung, sondern gleich den Arbeitgeber. Freilich ohne Garantie, dass Sie damit das Regen-Traufe-Problem umschiffen, aber immerhin sollten Sie Ihre Sensoren warnen. Die dritte Variante wäre, Sie informieren von sich aus die zuständigen Behörden. Doch würden Sie das in Erwägung ziehen, wäre Ihr Gewissenskonflikt zwar schnell gelöst, aber eben auch Ihr Arbeitsverhältnis. Besser, Sie retten sich erst auf die sichere Seite und tun dann Ihre Pflicht. Aber nicht vergessen!

Mit freundlichen Grüßen / Best regards / Med vänliga hälsningar

Christine Demmer

Gespräch mit der Anzeigenabteilung

Am Freitag, den 16. März 2007 habe ich ein Treffen mit drei Mitarbeitern der Anzeigenabteilung. Wir setzen uns an einen Besprechungstisch am Rande ihres Großraumbüros. Nach etwas Smalltalk legen sie los:

(Download als MP3)

Mitarbeiterin: Ja, warum wir heute hier sind: Also unsere Finanz-Sonderveröffentlichungen sind ja momentan wirklich super toll am Start, also das macht richtig Spaß. Momentan sind das also, zumindest für unseren Bereich so, die Umsatzretter, würde ich mal sagen.

Mitarbeiterin: Und Herr […] hat sich mal mit seinen Truppen hingesetzt und hat überlegt, wie kann man das denn auch für den B-Kunden-Bereich nochmal ein Stück attraktiver gestalten und haben ein paar Ideen entwickelt und über die wollten wir heute mal…

Mitarbeiter: … was Sie davon halten. Entstanden ist das ganze daraus, dass diese A/B-Kunden-Struktur früher wesentlich weicher war, da gab es vielleicht 250 A-Kunden, die wir nicht ansprechen durften, alles andere durften wir, und zwar im gesamten deutschsprachigen Raum.

(Die umsatzstärksten Anzeigenschalter sind die „A-Kunden“. Die A-Kunden werden nicht hier von München aus betreut, sondern durch dezentrale Büros. Die Mitarbeiter, mit denen ich gerade spreche, sind für alle übrigen Kunden zuständig, die „B-Kunden“)

Mitarbeiter: Haben dann natürlich viele Banken in Österreich, viele Vermögensverwalter in der Schweiz und Liechtenstein und so weiter mit angesprochen, haben da auch ganz gute Kontakte knüpfen können. Vor zwei Jahren kam dann der strikte Cut, wo es hieß: Wir bloß noch in Deutschland, Auslandsgeschäft über […], also über unsere Vertreter im Ausland, und daraufhin ist das Auslandsgeschäft wieder abgebrochen, also da kam von den Raiffeisenbanken und Sparkassen aus Österreich so gut wie gar nichts mehr rein. So dass ich im letzten Jahr zu Frau […] sagte, dass ich das gerne wieder probieren würde bei ein paar ausgewählten Instituten in Österreich und der Schweiz, die wieder zu reaktivieren für unsere Finanz-SVÖs [Sonderveröffentlichungen] und habe da die Freigabe bekommen. Das klappt jetzt auch … die kommen … die gewinnen wieder langsam Vertrauen zu uns, weil jetzt haben wir uns gedacht, dass wir mal ein Special machen könnten, was explizit auf die zugeschnitten ist. Und da war jetzt ein Gedanke von mir, entweder man startet zum Beispiel mit einer globalen SVÖ „Geldanlage im Ausland“ oder im deutschsprachigen Ausland, wo man eben die wichtigen Länder da entsprechend mit reinnehmen kann, und/oder danach im Anschluss eine Serie, die da heißt „Finanzplatz Schweiz“, „Finanzplatz Österreich“ beziehungsweise unter Umständen auch sogar weiter runter, „Finanzplatz Tirol“, „Finanzplatz Reutte“,

Mitarbeiterin: Kleinwalsertal

Mitarbeiter: Kleinwalsertal. Das war eben mein Grundgedanke. Wir haben auch bei den Kunden, die wir ansprechen dürfen mal so vorsichtig vorgefühlt, ob das denn was wäre, was in der Theorie überhaupt für sie interessant wäre, und die Resonanzen waren da ganz gut.

Ich: hm.

Mitarbeiter: Was natürlich sichergestellt sein muss, wenn man sowas macht, ist, dass man die Finanzplätze nicht als Schwarzmarkt…, äh, Schwarzgeldparadiese darstellt, weil das Problem…

Mitarbeiterin: Wir haben das schonmal gemacht.

Mitarbeiter: Wir haben das Problem gehabt vor zwei Jahren im „Private Banking“, da gab es einen Bericht über Liechtenstein mit einem Unterton, den man zwischen den Zeilen lesen konnte, so nach dem Motto: Ein guter Platz für schwarzes Geld. Und dann war ein Bild vom Schloss vom Fürsten von Liechtenstein mit abgebildet und unten rechts war die [Anzeige der] LGT-Bank, die Fürstenbank von Liechtenstein. Und die fanden das überhaupt nicht gut, weil sie gesagt haben, ihr stellt unser Land und unsere Bank in dem Zusammenhang mit der Anzeige so dar, als wenn wir nur für Schwarzgelder zuständig wären, wir sind aber ein seriöses Institut, bitte. Und das war es dann für anderthalb Jahre [mit Anzeigen der Bank].

Ich: Aber das ist doch all die Jahre deren Geschäftsmodell, dass die Schwarzgelder rüberziehen, weil warum sollte man sonst da hingehen?

Mitarbeiter: Natürlich, aber das kommuniziert man halt nicht unbedingt so offen. Natürlich wissen die mit Sicherheit, und das weiß auch ein Kleinwalsertal und Reutte …

Mitarbeiterin: Die haben‘s ja teilweise so beworben: „Ihr Geld ist bei uns sicher“. Was muss ich in einer deutschen Tageszeitung so eine Anzeige schalten, wenn ich nicht…

Mitarbeiter: Ich mein, wenn man die Berichterstattung so aufbaut, dass man sagt, ok, in Deutschland wird es in Zukunft einen globalen Abzug und eine zentrale Versteuerung geben und die Banken überweisen direkt ans Finanzamt. Das hat man in Österreich oder in der Schweiz nicht. Allerdings bist Du natürlich als Deutscher mit Deinem gesamten Welteinkommen in Deutschland steuerpflichtig und bist natürlich verpflichtet, es anzugeben – ob es überprüft wird, ist eine andere Frage. Man kann es ja reinschreiben, aber halt nicht so als globale Schwarzgeldwerbung darstellen, weil dann kriegen wir ein Problem mit den Kunden.

Ich: Ja. Also es geht darum,

Mitarbeiter: Wir müssen da vorsichtig!

Ich: Ja ja. So einen redaktionellen Platz zu schaffen, der interessant ist für die Kunden, dass die da auch werben, wo man die speziellen Vorzüge von kleinen Banken im deutschsprachigen Ausland vorstellt.

Mitarbeiter: Und auch von den Finanzplätzen an sich. Also von den Gesetzgebungen, die in Österreich herrschen, wie es da aussieht mit der Quellensteuer, wie‘s aussieht mit Kontrollmitteilungen ans deutsche Finanzamt oder an andere Finanzämter, ob die da erfolgen, was es da für rechtliche Möglichkeiten gibt für Nummernkonten unter Umständen, das ist natürlich für den Anleger mit Sicherheit auch hochinteressant. Man hört immer von einem Schweizer Nummernkonto, aber der Otto-Normalverbraucher kann sich da nicht viel drunter vorstellen. Der weiß überhaupt nicht, was, wie kann ich das Ding erstellen, mit welchem Mindestvermögen kann ich es erstellen, welche Daten muss ich bei der Bank hinterlegen, wo werden die gespeichert, wo werden die hingeleitet, werden die immer abgegeben oder nur auf Anfrage der Finanzbehörden und so weiter. Das sind ja alles Infos, die weiß jemand, der mit vielen vielen schwarzen Millionen im Ausland ist, natürlich, aber jemand, sag jetzt mal, der Bauunternehmer von nebenan, der ab und zu mal…

Mitarbeiterin: … der weiß es auch!

Ich: … der mit seinem Schwarzgeld nicht im Ausland ist, aber es überlegt, der weiß es noch nicht.

Mitarbeiter: … der weiß es vielleicht noch nicht. Der halt zu klein ist für einen guten Kapital… für einen guten Private Banker.

Ich: verstehe.

Mitarbeiterin: Geschickt verpacken.

Mitarbeiter: Das muss man halt geschickt verpacken, so dass man natürlich reinschreibt, was für Möglich… dass jeder rauslesen kann, welche Möglichkeiten er theoretisch hätte, er aber darauf aufmerksam gemacht wird, dass wir das nicht unterstützen und ihm Tipps geben wollen und vor allem nicht dass wir die Länder…

Mitarbeiterin: Was der einzelne weglässt, ist ja ihm überlassen. Zum Beispiel die Steuern dann hier in Deutschland zu zahlen.

Mitarbeiter: Ja, so sag ich ja. Reinschreiben: Es wird nicht wie in Deutschland automatisch ans Finanzamt abgeführt, sondern man muss das sozusagen mit der Jahressteuererklärung dann mit angeben. Das ist ja sauber, dann kann sich ja jeder seine eigenen Rückschlüsse draus ziehen. – Wenn man natürlich hinschreibt „da gehen nur die hin, die Steuerhinterziehung betreiben wollen“, dann stellt man den ganzen Finanzplatz in eine Grauzone. Und da fühlen sich dann solche Banken nicht wohl. Ich weiß nicht, kennen Sie die Raiffeisenbank Jungholz, waren Sie da mal drin?

Ich: Nein, wo ist die?

Mitarbeiter: Das ist ein Marmorpalast. Im Kleinwalsertal.

Mitarbeiterin: Im Kleinwalsertal. So eine Ecke, ich hab mir das mal auf der Landkarte angeschaut.

Mitarbeiter: Tirol.

Mitarbeiterin: Jungholz ist aber deutsch, oder?

Mitarbeiter: Jein. Beides. Jungholz ist, wenn man es mal von der Vergangenheit her sieht, wie die Zollgrenzen waren, ist Jungholz nur erreichbar gewesen über deutsches Zollgebiet, war aber geographisch in Österreich. Das war natürlich ein Paradies für jeden Schwarzgeldanleger, weil der mit seinem Koffer Schwarzgeld ned über die österreichische Grenze fahren musste, um zu der Bank zu kommen, sondern der konnte über deutschen Boden Jungholz erreichen und da dann auf ‘ner einer österreichischen Bank zur österreichischen Gesetzgebung – mit den damaligen Nummernkonten wussten ja net einmal die Österreicher, wer der Kontoinhaber ist, konnte man ja so in Österreich anlegen – sein Geld einzahlen. Also, das Paradies schlechthin.

Mitarbeiterin: sagt etwas

Mitarbeiter: Also, ich kenn die Raiffeisenbank in Jungholz. Das hast Du noch nicht gesehn.

Mitarbeiterin: Sagt etwas mit „Schwarzgeld“

Mitarbeiter: So viel Marmor und Kunst und was da alles drin ist, das ist abartig.

Mitarbeiterin: Sagt etwas zu Bankraub

Mitarbeiter: Da traut sich keiner ran, weil da liegen ja net bloß … da liegen ja wirklich schwarze Gelder, richtig schwarze Gelder, da sind mit Sicherheit auch viele, Mafia und andere…

Weitere Diskussion unter den Mitarbeitern über Bankraub sowie Grenzkontrollen.

Mitarbeiter, wieder zu mir gewandt: Es hat sich ja auch viel, das wissen Sie wahrscheinlich besser als ich, viel verändert in der ganzen Gesetzgebung und dem ganzen Steuerrecht und den Besteuerungen, aber in Deutschland tut sich das ja auch, und das bleibt immer noch wesentlich besser (meint: Die Rechtslage ist im Ausland immer noch wesentlich besser für Steuerhinterzieher).

Ich: Also es geht darum, da neue Seiten zu schaffen und über diese Aspekte zu berichten, die bisher noch nicht im Blatt vorkommen…

Mitarbeiter: …ja…

Ich: …mit dem Ziel, dann neue Werbekunden da zu gewinnen, die dann Anzeigen darauf schalten.

Mitarbeiter: gut, das sind nicht unbedingt neue, das sind wekcge, die waren früher …

Ich: ja, aber die wieder zu aktivieren

Mitarbeiter: aber die haben natürlich gerade durch die Gesetzesänderungen haben die momentan richtig gute Konzepte, wie die eben auch ihre Portfolios umstrukturieren, so dass eben der Quellsteuerabzug nicht mehr zum tragen kommt, sondern die eben die Gewinne thesaurieren und anders generieren.

Mitarbeiterin: LGT war ja letztes Jahr gar net mehr bei uns.

Mitarbeiter: Ab letztem Jahr wieder. Letzten Oktober haben sie wieder angefangen. Die waren fast zwei Jahre draußen wegen dieser Fürstenbank/Schwarzgeld

(… Später im Gespräch …)

Ich: Wird schwierig, einen Ober-Titel (zu finden)

Mitarbeiter: Ja, das ist es eben. „Geldanlage im deutschsprachigen Ausland“, wobei Liechtenstein gar nicht mal deutschsprachig ist, aber irgendwie da in den Topf mit reingeworfen wird.

Ich: „Deutschsprachig“ wird nicht reinpassen.

Mitarbeiter: „Was Deutsche bei der Geldanlage im Ausland beachten müssen“, das ist ja schon wieder ein Themenplan…

Mitarbeiterin: wir brauchen was kürzeres

Mitarbeiterin: „Geldanlage, die — die keiner findet“.

Allgemeines Lachen

Mitarbeiter: Och ist des bös, ne, dann machen wir das graue Image richtig grau.

Ich: Wir machen uns da Gedanken drüber.

Mitarbeiterin: „Ab über die Grenze“

Mitarbeiter: Und da kann man ja grob auch anreißen schon mal anreißen von den Themen, die da drin sind, was muss man eigentlich beachten, was muss man deklarieren, und so weiter. – Und was man dann tatsächlich macht ist ja ne andere Sache. Auf jeden Fall ist eins wichtig: Dass man es nicht als Eldorado für Verbrecher und Steuerhinterzieher darstellt, weil dann kriegen wir da keine Anzeigen, weil sich die… das sind ja wirklich… mit extremem Know-How, was die da auch im Geldanlagen-Bereich und im Private Banking haben, und in solche Umfelder stellen sich die nicht …

Mitarbeiterin: Wobei na gut, Du darfst der Redaktion …

Mitarbeiter: Ja, dass ich da kein Anspruch drauf habe ist klar. Aber man muss es halt sensibel … wenn man es nicht sensibel anpackt, machen wir es genau ein Mal. Dann können wir die Serie danach gleich stornieren, weil dann bucht uns da keiner mehr rein, weil die viel zu viel Angst haben, dass man sie in irgendwelche Lichter schiebt, in denen sie nicht stehen wollen – obwohl sie drin stehen, aber die wollen ja nicht in der Öffentlichkeit darin stehen. Weil die haben ja noch österreichische Kunden, die sie da ganz normal behandeln müssen.

Ich: Ich verstehe. Ja, ich werde das mal besprechen.

Mitarbeiterin: Sagen Sie mir dann noch Bescheid, ob der Herr (…) das abgenickt hat?

Ich: Sie hören am Montag von mir.

Mitarbeiterin: Super, ok. Wunderbar.

Was mein Chef sagt

Montag, der 19. März 2007. Ich gehe ins Büro meines Chefs, wir reden erst über das Wochenende und dann geht es los:

(Download als MP3)

Ich: Am Freitag hatte mich […] eingeladen, zusammen mit […] und […] zu sprechen über eine neue Idee für eine neue Finanz-SVÖ [Sonderveröffentlichung], ich habe Ihnen auch gerade eine Mail dazu geschrieben, aber ich dachte ich komm auch einmal vorbei. Und zwar geht es darum, Banken im deutschsprachigen Ausland damit anzusprechen,

Chef: Banken im deutschsprachigen Ausland

Ich: also Österreich, Luxemburg, Liechtenstein, Schweiz, und da so kleine und die durften wohl länger hier von dem Vertrieb nicht angesprochen werden weil Ausland und jetzt … keine Ahnung … jedenfalls will man die ansprechen.

Chef: Und mit welcher Maßgabe ansprechen, was will man von denen.

Ich: Anzeigen.

Großes Gelächter

Chef: Schlauberger!

Ich: Und zwar soll es darin darum gehen, die Finanzplätze da vorzustellen und die Rechtslagen da zu beschreiben: Unter welchen Aspekten kann ich als deutscher Anleger in Österreich, in der Schweiz, in Liechtenstein, Luxemburg mein Geld anlegen.

Chef: Das ist ja gar nicht so uninteressant. Also wie kann ich mein Geld schwarz nach Luxemburg bringen. Also solche Dinge, aha. … Und welche Banken dort aktiv sind und sowas im deutschsprachigen Ausland auch.

Ich: Genau. Es gab aber vor zwei Jahren mal so ein Problem mit Liechtenstein mit der LGT, die hatten eine Anzeige geschaltet, Liechtenstein dargestellt und Foto von dem Schloss und in dem Text kam dann genau wie Sie sagten so ein bisschen durch – ein guter Platz um sein Schwarzgeld anzulegen – und das haben die überhaupt nicht gern gesehen, weil die so nicht dargestellt werden wollen.

Chef: ja ja, ja ja.

Ich: Deswegen soll immer dabeistehen: So sieht die Rechtslage in den Ländern aus, in Deutschland wird das Geld dann automatisch abgeführt ans Finanzamt, in den Ländern wird das nicht gemacht, man ist aber trotzdem verpflichtet, seine Sachen da anzugeben

Chef: keine … für Leute, die ihr Geld über dunkle Kanäle über die Grenze bringen wollen, sondern wirklich wie die offizielle Rechtslage ist. Was die Leute dann in der Praxis tun ist eine andere Sache. Dass sie mit dem Geldkoffer nach wie vor über die Schweizer Grenze…

Ich: und bisher wird darüber … einen neuen Platz zu schaffen, wo über die Rechtslagen in den einzelnen Ländern informiert wird und damit dann die Institute zu bekommen, dass sie die Anzeigen schalten.

Chef: Ja. Im Grunde ok, oder? Wir dürfen natürlich nur nicht auf einzelne Banken eingehen, da müssen wir sehr drauf achten, wenn da eine Anzeige wäre, sondern ganz allgemein

Ich: Das ist klar. … die Rechtslagen zu informieren und nicht nicht darum, einzelne Banken da rauszustellen

Chef: Man kann auch a Interview führen, Statements einholen von irgendwelchen Leuten, ja klar.

Alle Zeitungen handeln so, meint mein Chef

Bei meinem Abschiedsgespräch mit meinem Chef begründe ich die Kündigung damit,

(Download als MP3)

Ich: dass ich merkte, dass ich mit einigen Sachen, einer Reihe von Sachen, die ich hier gemacht habe, Bauchschmerzen hatte, ich das falsch fand, ich deswegen das nicht länger machen wollte und…

Chef: Entschuldigung, welche Sachen zum Beispiel? Nur zur Information! Man kann ja mit Bauchschmerzen nicht leben.

Ich: Ja.

Sie haben immer noch noch versucht „naja, wird schon. Vielleicht füge ich mich doch noch ein. Vielleicht ändert es sich doch noch.“ Haben Sie mit den Bauchschmerzen dann sich so weitergehangelt? Diese Erfahrung haben Sie ja wahrscheinlich sehr schnell machen müssen, dann, oder? Seien Sie doch ehrlich, es ging doch nicht nur um das „schwammig“, letztlich.

Ich: Nein, das „schwammig“ war ein auslösender Fall.

Chef: Wobei, da haben Sie glaub ich ein bisschen überreagiert. Ich sag es noch einmal: Der Kern der Kritik ist ja überhaupt nicht herausgenommen worden.

Ich: Ja, aber abgeschwächt. Das Ding war, da habe ich gemerkt, dass es da eine Anzeigendenke ist, zu sagen: Die Kritik ist hier zu hart, die sollte besser abgeschwächt werden. Und das ist eine Denke, die ich mir nicht …

Chef: das muss ich auch eingestehen, das habe ich Ihnen von Anfang an gesagt, als wir das allererste Mal zusammensaßen. Wir müssen auch so handeln und nicht nur wir, sondern alle Zeitungen handeln so inzwischen, weil die Zeiten, wo wir Anzeigen ablehnen konnten, die sind vorbei. Also, wir tun das ohnehin oftmals, ich hab gerade dem […] wieder einen Brief geschrieben: Wenn ihr uns das anbietet oder das, dann sollten wir es ganz lassen, dann machen wir es gar nicht. Sie haben natürlich nur das mitbekommen, was jetzt direkt Ihre Arbeit so betraf, und den Spagat, den wir immer wieder machen müssen… Aber ich verstehe Ihre Position, Sie sind ein junger Mensch, Sie sind unverdorben noch, Sie stehen da wie eine Wand, wie ein Fels in der Brandung und sagen: Ne, da will ich zumindest jetzt am Anfang meiner Karriere will ich ein sauberer Journalist sein, der kritisch ist. Die kritische Denke, die haben Sie natürlich aufgesogen, mitgebracht ganz frisch noch vom Studium, von der Schule, aber es wird sich ein bisschen abschleifen im Lauf der Zeit ohnehin. — Ja, ich bedauere es, schade, schade.